Adorno und Berg

Alfred Stenger über eine ganz besondere Beziehung

Drei Monografien über herausragende Musikerpersönlichkeiten hat Theodor W. Adorno verfasst: über Richard Wagner, Gustav Mahler und über Alban Berg. Ein Abend Adorno und Berg als Veranstaltung des RWV Frankfurt im wiederum gut besetzten Vortragssaal des Hoch’schen Konservatoriums bildete den Abschluss der Vortragstrilogie, die Prof. Alfred Stenger über den Frankfurter Gelehrten präsentierte.

Berg war 1925 in Wien Kompositionslehrer von Adorno gewesen; anders als zu Wagner und Mahler bestand also eine persönliche Beziehung. Die Sympathie zwischen Lehrer und Schüler entwickelte sich mit den Jahren zu einer tiefen Freundschaft. Adornos Monographie über Berg gliedert sich dementsprechend in einen musikanalytischen Teil und persönliche Erinnerungen.

Über 44 Jahre hinweg schrieb Adorno insgesamt acht kürzere Texte über Berg. Immer wieder betonte er darin dessen Nähe zu Mahler als eine „enthusiastische und vorbehaltlose Beziehung“. Das Fließen Bergscher Musik – „geometrisch-klar wie eine Architekturzeichnung“ – erinnerte Adorno aber auch an die Malerei von Cezanne. Eine besondere Vorliebe Adornos gehörte der Teich-Szene in Wozzeck mit ihren spiralartigen Figuren und Tonleitern. Zahlreiche Musikeinspielungen illustrierten die Ausführungen Alfred Strengers.

Die Lyrische Suite von Berg bezeichnete Adorno als latente Oper – mit Reminiszenzen an Haydns Abschiedssinfonie: „Ein Instrument schweigt nach dem andern. Die Bratsche ist allein übrig. … Sie muss spielen für immer; nur wir sind es, die sie nicht mehr vernehmen.“ Bergs Violinkonzert, sein vielleicht populärstes Stück, „ein Werk planvoller Deutlichkeit, die sich mit expressiv-programmatischem Charakter verbindet“, empfand Adorno als konservative Rückwendung Bergs. Und er scheut sich nicht, konkrete Ratschläge für dessen Ausführung zu geben: „Ehe die Interpreten sich an das Ganze begeben, tun sie gut daran, alle Einzelheiten wie durchs Mikroskop zu betrachten.“

Den zweiten Teil der Berg-Monografie, die „Erinnerungen“, legte Alfred Strenger seinen Zuhörern besonders an Herz. Seine große Bewunderung für Alban Berg und die Dankbarkeit Adornos prägen diese Kapitel. Von Adorno stammt auch der Rat: „Wer ernsthaft Zugang sucht zu Bergs Musik, wird gut tun, mit den elf Seiten der Klaviersonate sich eingehend zu befassen.“ Die Klaviersonate Opus 1 ist Bergs „Gesellenstück“. Für die Teilnehmer des Abends wurde sie einfühlsam interpretiert von Prof. Eike Wernhard von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Der Frankfurter RWV-Vorsitzende, Dirk Jenders, bedankte sich beim Referenten des erfolgreichen Vortragszyklus unter dem großen Applaus des Publikums mit einer „Stenger und Adorno“-Collage.

Zum Nachlesen finden Sie die drei Vorträge der Adorno-Reihe (Wagner – Mahler – Berg) hier