Zuhause in Tannhäusers Reich

Es war nicht das erste Mal, dass der RWV Frankfurt eine Reise zum „Tannhäuser“ auf der Wartburg arrangierte. Auch dieses Mal traf er damit ins Schwarze: 38 Mitglieder und Gäste fuhren am 27. April nach Eisenach und erlebten die Oper im Festsaal des Palas der Wartburg. Die Kulisse dieses Prunkraums mit seinen neo-mittelalterlichen Fresken und Verzierungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts – exakt der Schaffenszeit Wagners – passt perfekt zur Musik. Und die Inszenierung von Ansgar Haag vom Staatstheater Meiningen nutzte die besonderen Möglichkeiten, die der Raum eröffnet. Die Sänger agierten nicht nur auf der kleinen Bühne vor dem Orchester, die nur wenige Podien und Sitzgelegenheiten zuließ. Sie bezogen den gesamten Raum mit ein. Auch der hervorragend geführte Chor konnte sich wie sonst nie präsentieren: war er zunächst vom Seitengang des Festsaals aus zu hören, versammelte er sich später auf der Galerie über dem Saal; und als die Rom-Rückkehrer singend im Mittelgang durchs Publikum schritten, löste das bei nicht wenigen Besuchern einen Gänsehauteffekt aus. Auch die Meininger Hofkapelle versetzte ihre Hornisten gelegentlich in ungewohnte Positionen im Saal, und die glockenhelle Stimme des jungen Hirten erklang von einem Balkon in luftiger Höhe. So entstand das Gefühl einer vollkommenen Symbiose von Raum und Musik.

23 der 38 mitgereisten Frankfurter Wagner-Freunde fanden sich zum Gruppenfoto vor der Wartburg ein. Die anderen fütterten derweil die prachtvollen Tauben im Burghof? (Foto: Gerd Coordes)

Scott MacAllister sang den Tannhäuser, die bezaubernde Camila Ribero-Souza gab die Elisabeth, und Deirdre Angenent überzeugte als Venus vor allem beim Auftritt im dritten Aufzug. Herausragend, auch durch seine schauspielerische Leistung, Dae-Hee Shin als Wolfram. Die musikalische Leitung hatte Meiningens Generalmusikdirektor Philippe Bach inne.

Venus – Tannhäuser – Elisabeth – Wolfram nehmen den Schlussapplaus im Festsaal der Wartburg entgegen. Einen authentischeren Ort für den Sängerkrieg gibt es nicht. (Foto: Gerd Coordes)

Eine Reise nach Eisenach kommt natürlich nicht an den Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei: Das Bach-Haus als weltweit größtes Museum für den Komponisten mit seinen exzellent aufgebauten Präsentationen, das Lutherhaus mit einer bemerkenswert gut kuratierten Dauerausstellung, das Thüringen-Museum im Stadtschloss, die Reuter-Wagner-Villa als der ehemalige Wohnort des Dichters Fritz Reuter, oder ganz einfach die baulichen Zeugnisse einer Stadt, die einst den Ehrgeiz hatte, Weltstadt zu werden. Die hervorragende Organisation der Reise ließ auch dafür genügend Raum.

Parsifal-Sound aus 8.801 Pfeifen

Andreas Boltz präsentiert die Klais-Orgel im Frankfurter Dom

Richard Wagner hat bekanntlich auf die Komposition großer Orgelwerke verzichtet. Seine heutigen Fans lassen sich trotzdem für dieses Instrument begeistern: 60 Mitglieder folgten am 17. März der Einladung des RWV Frankfurt zur Orgelmatinee und -führung im Dom St. Bartholomäus, der ehemaligen Krönungskirche deutscher Kaiser.
Dommusikdirektor Andreas Boltz hatte speziell für diese Gäste das Programm der Matinee gestaltet: Nach Stücken von Bach und Reger folgte als Hommage an den Bayreuther Meister der „Karfreitagszauber“ in einer Bearbeitung von Edwin Lemare. 

Vier Manuale, 115 Register und 8801 Pfeifen – ein zeitgenössisches Meisterwerk der Orgelbaufamilie Klais im Dom St. Bartholomäus zu Frankfurt am Main. Foto: C. Jenisch

Dann erwartete Boltz die Gruppe auf der Orgelempore, um sein Instrument mit all seinen Raffinessen vorzustellen. „Eigentlich ist eine Orgel ein gigantisches Blasinstrument mit einer Windanlage als ‚Herz-Lungen-Maschine‘“ erläuterte er. Wer direkt vor dem Pfeifenkasten platziert war, bekam handfest zu spüren, welche Luftmassen bewegt werden müssen, um alles zum Klingen zu bringen. Die sichtbaren Pfeifen machen nur einen Bruchteil des Werks aus; auf fast 9.000 davon bringt es die „Päpstin der Instrumente“ (H. Berlioz), von den kleinsten mit gerade 15 Millimetern bis zu den größten mit rund zehn Metern Länge. Sie ist damit die siebtgrößte Kirchenorgel in Deutschland. Die Bonner Orgelbaufirma Klais hat das neobarocke Werk in den 50er Jahren errichtet und nach und nach auf die heute Größe ausgebaut. Dadurch ist sie ein multifunktionelles Instrument und gleichermaßen für Orgelliteratur des Barock, der Romantik, aber auch für Zeitgenössisches hervorragend geeignet.

Passen nicht alle aufs Bild: 60 Mitglieder sitzen auf der Orgelempore und lauschen Dommusikdirektor Andreas Boltz sowie seinem Instrument. Foto: C. Jenisch

Vom Spieltisch mit vier Manualen und 116 Registern wird nicht nur die Hauptorgel bespielt, sondern auch die kleinere Orgel im Hochchor, was großartige Akustikdimensionen erzeugt. Boltz ließ es sich nicht nehmen, die verschiedenen Pfeifenformen – die schlanken „Streicher“, die breiten „Flöten“, die kraftvollen Prinzipale, die quer in den Raum ragenden spanischen Trompeten und viele andere mehr – mit ihren unterschiedlichen Charakteristiken, Tonhöhen und Lautstärken vorzustellen, gerne mit Beispielen aus „Parsifal“, der es ihm offenbar angetan hat. Er könne sich gut vorstellen, den „Karfreitagszauber“ künftig in der Fastenzeit ins Programm zu nehmen, trotz der jedes Mal sehr aufwändigen Registrierung. Der Orgel fehlt noch eine digitale Setzeranlage auf der man die Werke dauerhaft einrichtet und speichert. Die aber kostet einen sechsstelligen Betrag, und das Hochbauamt Frankfurt, das Herr über alle Kirchen und deren Ausstattung ist, wird sich angesichts der aktuellen Kassenlage nicht so leicht dafür gewinnen lassen.
Am 25. Mai gibt es im Dom eine Orgelnacht mit Musik aus Schottland – eine weitere Gelegenheit die Frankfurter „Päpstin“ zu erleben. 

Andreas Boltz spielte für die Frankfurter Wagner-Freunde den „Karfreitagszauber“ aus „Parsifal“ in der Orgel-Transkription von Edwin H. Lemare. Foto: C. Jenisch