Wagners „große lange Dinger“

Parsifal wird zum Erweckungserlebnis unserer Bayreuth-Stipendiaten

Vor dem Königsportal des Bayreuther Festspielhauses am 07.08.2018:
(v.l.n.r. oben) Iain MacNeil, Jule Heidmann, Lianyi Zhang, Robin Wächtershäuser
(v.l.n.r. vorne) Dalila Denic, Julie Sekinger, Rose Wießler (stv. Vorsitzende), Anna Stepanova, Charlotte Glöckner, Agnes Peregi

Bis zu seiner Bayreuth-Reise wusste Robin Wächtershäuser über Richard Wagner vor allem, dass dieser „große lange Dinger“ geschrieben hat. Bereits bei der ersten Vorstellung im Festspielhaus hat es ihn dann gepackt: Den jungen Komponisten überlief schon beim Lohengrin-Vorspiel eine Gänsehaut, wie er freimütig eingestand. Im Holländer entdeckte er ideale Vorlagen für Filmmusik, und er war gefesselt von der „total spannenden Harmonik“ im Parsifal.

Es sind jedes Mal anregende Abende mit neuen Blickwinkeln auf Wagners Werk und die Festspiele, wenn unsere Bayreuth-Stipendiaten mit ansteckender Begeisterung von ihrem Aufenthalt dort erzählen. Drei von ihnen konnten beim Jour Fixe in Badia’s Schirn Café nicht dabei sein: Dalila Denic und Iain MacNeil steckten in wichtigen Opernproben und Jule Heidmann produziert gerade mit ihrer Duo-Partnerin (ROMIE) eine CD in Irland.

Unvergesslich bleiben die Festspieltage für Charlotte Glöckner, Pianistin und ebenfalls angehende Komponistin: „Das Erlebnis Bayreuth hat mich vollkommen verändert, nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich“ berichtete sie. Sie sei ohne besondere Wagner-Affinität angereist und Parsifal habe sie zum Wagner-Fan werden lassen. Als exemplarisch für ihr persönliches Erweckungserlebnis darf wohl auch das As-Dur in „Erlösung dem Erlöser“ gelten.

Agnes Peregi als dritte in unserer diesjährigen Komponistenriege hat dort entdeckt, dass der heutige Nachwuchs von dieser „alten“ Musik viel lernen kann. Positiv empfand sie bei den Aufführungen im Festspielhaus übrigens das Fehlen von Übertiteln, das von einigen beklagt wird: so könne man die Oper ohne Ablenkung genießen.

Lianyi Zhang freute sich, als Pianist ein Stipendium erhalten zu haben – wodurch er sich Wagners Schwiegervater Liszt noch mehr verbunden fühlt. Seine erste Annäherung an Richard Wagner hatte über einen Besuch in Neuschwanstein stattgefunden, dessen Bau aus der Begeisterung Ludwig II. für den Lohengrin hervorging. Diese Oper nun erstmals und gleich in Wagners Festspielhaus zu hören, wo durch den abgedeckten Orchestergraben die Musik „von überall her“ kommt, war für Zhang ein ganz besonderes Erlebnis.

Auch Julie Sekinger war von der hinreißenden Akustik und der Ausgewogenheit des Klangs im Festspielhaus begeistert; dank dieser Akustik, so befand die angehende Sopranistin, müssten die Sänger wohl auch kein „Wahnsinnsorgan“ haben, um über das Orchester zu kommen. Sie hatte sich zudem für das Internationale Stipendiatenkonzert der Richard Wagner-Stipendienstiftung qualifiziert und genoss es, mit Profis wie Günther Groissböck aufzutreten.

Die Pianistin Anna Stepanova war schon in ihrer Heimat Moskau eine begeisterte Anhängerin Richard Wagners. Für sie wurde die Reise zu den Festspielen die Erfüllung eines langjährigen Traums. Auch sie hat der Parsifal besonders bewegt: „Eine unglaubliche archaische Kraft, die mich voll und ganz erschüttert hat.“ In Bayreuth ist für Anna Stepanova die Vergangenheit noch sehr präsent: „Nach 142 Jahren kann man dort die Spuren des Meisters erleben und sehen, was aus seiner Genialität, aber auch seiner Disziplin und Arbeitsfreude entstanden ist.“

Die neun Stipendiaten reisten auf Einladung des RWV Frankfurt vom 5. bis 10. August 2018 zu den Bayreuther Festspielen und erlebten dort Lohengrin, Der fliegende Holländer und Parsifal.

Wir wollen keine Gralshüter sein

RWV Frankfurt im Portrait der Zeitungen der VRM-Verlagsgruppe 

Am 25. Juli, dem Tag der Eröffnung der diesjährigen Bayreuther Festspiele, erschien in den Zeitungen der VRM-Verlagsgruppe eine Festspiel-Seite, in deren Mittelpunkt ein Portrait des RWV Frankfurt, dem „etwas anderen Fanclub“, stand.

Kultur-Redakteur Volker Milch interessierte sich in seinem Recherche-Gespräch mit Dirk Jenders insbesondere für das Phänomen des „Wagnerianers“. Und wer den Vorsitzenden des RWV Frankfurt kennt, weiß, dass er die gepflegten Klischees über „den Wagnerianer“ und über Bayreuth nicht so stehenlassen konnte.
Doch lesen Sie selbst.

Den Print- und Online-Artikel finden Sie zudem in unserem Medienspiegel.

Die VRM-Verlagsgruppe mit Sitz in Mainz bringt die Allgemeine Zeitung in Mainz – Bad Kreuznach – Alzey – Bingen, den Wiesbadener Kurier und das Wiesbadener Tagblatt, das Darmstädter Echo, den Gießener Anzeiger, die Wormser Zeitung, Bürstädter Zeitung, Lampertheimer Zeitung und die Main-Spitze Rüsselsheim heraus. Nach eigenen Angaben erreicht die VRM (und damit unser RWV-Portrait) rund 1 Mio. Leser im Rhein-Main-Gebiet.

Frankfurter Wagner-Kontexte – Band 1

RWV Frankfurt vergibt erstmals Publikationsstipendium und eröffnet musikwissenschaftliche Schriftenreihe

Mit der Eröffnung der Schriftenreihe „Frankfurter Wagner-Kontexte“ erweitert der Richard-Wagner-Verband Frankfurt sein bisher auf die jährliche Förderung von 10 jungen Bühnenschaffenden fokussiertes Stipendienprogramm. Durch die zusätzliche Vergabe eines jährlichen Publikationsstipendiums wird künftig ein musikwissenschaftlicher und qualitativ hochwertiger Beitrag zur Richard-Wagner-Forschung geleistet. Das Themenspektrum wird dabei bewusst weit gefasst. Als einzige Voraussetzung haben die primär geförderten Dissertationen einen konkreten Kontext zum Komponisten Richard Wagner zu gewährleisten. Der vorliegende Eröffnungsband von Autor Michael Hofmeister über den Komponisten Alexander Ritter steht exemplarisch dafür.

Mehr über Band 1 der „Frankfurter Wagner-Kontexte“ finden Sie hier
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Glyndebourne!

Operngenuss im Bayreuth Südenglands

Der Landsitz der Familie Christie aus der Tudorzeit mit dem Glyndebourne Opera House von 1996 (Foto: C. Jenisch)

John Christie war ein Opernenthusiast. Schon in den 1920er Jahren veranstaltete er Konzerte, Liederabende und Opernminiaturen, damals noch im Orgelsaal seines Landsitzes. Dabei übernahm er nicht nur die Rolle des Gastgebers. Im Juni 1928 wirkte er auch als Beckmesser im 3. Akt der „Meistersinger“ mit. Durch seine Festspielbesuche in Salzburg und Bayreuth inspiriert, verwirklichte er sich 1934 einen Traum und gründete sein „privates Bayreuth“, also Opernfestspiele samt 311-Plätze-Opernhaus, das er sich neben seinem Landhaus errichten ließ. Eröffnet wurde das Glyndebourne Festival zwar nicht mit Wagner, aber es etablierte sich mit der „Hochzeit des Figaro“ eine bis heute gepflegte Mozart-Tradition. Mit Fritz Busch, Carl Ebert und Rudolf Bing standen ihm gleich zu Beginn drei Opernexperten zur Verfügung, die für Qualität bürgten.

Im Garten von Glyndebourne (Foto: C. Jenisch)

In dritter Generation von Gus Christie geführt, steht Glyndebourne auch heute für Oper auf höchstem internationalen Niveau. Davon konnten sich vom 13. bis 18. Juni die 24 mitgereisten Mitglieder des RWV Frankfurt überzeugen. Dank der hervorragenden Organisation durch Petra Kummrow (Carus Travel) erlebten sie Tage voller kultur-historischer, gartenbauarchitektonischer sowie eben musikalischer Höhepunkte und exklusiver Einblicke.

Die Zusammenfassung der faszinierenden Reise finden Sie hier

Concerto furioso in der HfMDK

Wenn sich die Stipendiaten des RWV Frankfurt vor ihrer Reise zu den Bayreuther Festspielen mit einem Konzert vorstellen, wird das immer ein Programm voller Überraschungen. Die zehn Nachwuchstalente – Frankfurt entsendet von allen weltweiten Wagner-Verbänden nach wie vor die meisten Bayreuth-Stipendiaten – werden von der Oper Frankfurt, von Dr. Hoch’s Konservatorium sowie der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) benannt. In der HfMDK fand vergangenen Montag erstmals auch unser Stipendiatenkonzert statt, künftig im jährlichen Wechsel mit dem bisherigen Austragungsort Dr. Hoch’s. Präsident Christopher Brandt freute sich in seiner Begrüßung über das Zusammentreffen wichtiger Institutionen bei diesem Ereignis und ganz besonders auf die Auseinandersetzung mit den Werken junger Komponisten, von denen in diesem Jahr gleich drei vertreten sind, allesamt Studierende von Claus Kühnl am Dr. Hoch‘s.

Finale beim Stipendiatenkonzert am 4. Juni 2018 in der HfMDK Frankfurt: Michal Golawski, Iain MacNeil, Dalila Denic, Anna Stepanova, Julie Sekinger, Lianyi Zhang, Charlotte Glöckner, Jule Heidmann, Agnes Peregi und Robin Wächtershäuser (v.l.n.r.) – Foto: RWV Frankfurt

Einen furiosen Einstieg am Klavier gestaltete Michal Golawski vom Opernstudio mit Liszts Schubert-Bearbeitung „Aufenthalt“ und mit Arcadi Volodos frech-fröhlicher Version von Mozarts „Türkischem Marsch“. Die Publikums-Betriebstemperatur stieg dank seiner sofort von 0 auf 100. Ein Töne-Happening war das daran anschließende Stück für vier Lautsprecher von Agnes Peregi. Ihre „Reise ins Ungewisse“ hatte die junge Komponistin aus Geräuschen fahrender Zügen montiert, aus an- und abschwellendem Zischen, Raunen, Dröhnen, Klirren, Rumpeln, Brummen und Klopfen. Auch die beiden Klavierquartette von Robin Wächtershäuser, als Konzertmitschnitte eingespielt, verlangten dem Zuhörer mit ihren brüchigen, instabilen Elementen und ungewöhnlichen Tonfolgen und Geräuschen die volle Aufmerksamkeit ab. Charlotte Glöckner, die Dritte im Bunde der Komponisten, hat ebenfalls Lust auf Experimente. Für ihre „Traumreiche Nacht“ präparierte die ehemalige Oboistin die Saiten des Flügels mit ihren ausgemusterten Oboenblättern, einem Schlüsselbund sowie gefaltetem Papier und fand damit eine effektvolle Klangsprache.
Der Pianist Lianyi Zhang gewann mit dem souverän und einfühlsam vorgetragenen 1. Satz aus Brahms’ Klaviersonate Nr. 1 die Bewunderung des – trotz der tropischen Temperaturen – erfreulich zahlreich erschienenen Publikums. Der Bariton Iain MacNeil aus dem Opernstudio präsentierte sich kraftvoll mit Roberts Arie aus „Iolanta“ und „Bella siccome un angelo“ aus „Don Pasquale“. Dalila Denic mit ihrer Mezzosopran-/Altstimme gab mit „Weiche Wotan, weiche!“ schon jetzt ein ehrgeiziges Ziel und viel schauspielerische Ausdruckskraft zu erkennen. Als junger Wotan assistierte ihr Florian Conze. Die Sopranistin Julie Sekinger stellte sich mit der Arie der Lucia und dem Brahms-Lied „Wir wandelten“ vor. Wunderschön dann die Duette der beiden jungen Sängerinnen mit Schumanns „Abendstern“ und Brahms’ „Die Meere“. Und noch einmal stand Wagner auf dem Programm: Anna Stepanova spielte Liszts Klavierbearbeitung von „Isoldens Liebestod“. Sensibler und auch körpersprachlich berührender kann dieses Stück kaum vorgetragen werden. Mit dem letzten Programmpunkt ging es wieder zurück ins hier & jetzt. Die Lehramtsstudierende Jule Heidemann gestaltete mit dem Arlen/Previn-Song „So long Big Time“ den Übergang zur feierlichen Überreichung der Stipendienurkunden. Zusammen mit Paula Stenger, mit der sie das Singer-/Songwriter-Duo „ROMIE“ bildet, ließ sie den Abend mit ihrem neuen Song „Maria“ ausklingen.
Vom 5. bis 10. August werden die zehn jungen Talente den neuen „Lohengrin“ sowie die Wiederaufnahmen „Der fliegende Holländer“ und „Parsifal“ auf dem Grünen Hügel Bayreuths erleben.

Zuhause in Tannhäusers Reich

Es war nicht das erste Mal, dass der RWV Frankfurt eine Reise zum „Tannhäuser“ auf der Wartburg arrangierte. Auch dieses Mal traf er damit ins Schwarze: 38 Mitglieder und Gäste fuhren am 27. April nach Eisenach und erlebten die Oper im Festsaal des Palas der Wartburg. Die Kulisse dieses Prunkraums mit seinen neo-mittelalterlichen Fresken und Verzierungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts – exakt der Schaffenszeit Wagners – passt perfekt zur Musik. Und die Inszenierung von Ansgar Haag vom Staatstheater Meiningen nutzte die besonderen Möglichkeiten, die der Raum eröffnet. Die Sänger agierten nicht nur auf der kleinen Bühne vor dem Orchester, die nur wenige Podien und Sitzgelegenheiten zuließ. Sie bezogen den gesamten Raum mit ein. Auch der hervorragend geführte Chor konnte sich wie sonst nie präsentieren: war er zunächst vom Seitengang des Festsaals aus zu hören, versammelte er sich später auf der Galerie über dem Saal; und als die Rom-Rückkehrer singend im Mittelgang durchs Publikum schritten, löste das bei nicht wenigen Besuchern einen Gänsehauteffekt aus. Auch die Meininger Hofkapelle versetzte ihre Hornisten gelegentlich in ungewohnte Positionen im Saal, und die glockenhelle Stimme des jungen Hirten erklang von einem Balkon in luftiger Höhe. So entstand das Gefühl einer vollkommenen Symbiose von Raum und Musik.

23 der 38 mitgereisten Frankfurter Wagner-Freunde fanden sich zum Gruppenfoto vor der Wartburg ein. Die anderen fütterten derweil die prachtvollen Tauben im Burghof? (Foto: Gerd Coordes)

Scott MacAllister sang den Tannhäuser, die bezaubernde Camila Ribero-Souza gab die Elisabeth, und Deirdre Angenent überzeugte als Venus vor allem beim Auftritt im dritten Aufzug. Herausragend, auch durch seine schauspielerische Leistung, Dae-Hee Shin als Wolfram. Die musikalische Leitung hatte Meiningens Generalmusikdirektor Philippe Bach inne.

Venus – Tannhäuser – Elisabeth – Wolfram nehmen den Schlussapplaus im Festsaal der Wartburg entgegen. Einen authentischeren Ort für den Sängerkrieg gibt es nicht. (Foto: Gerd Coordes)

Eine Reise nach Eisenach kommt natürlich nicht an den Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei: Das Bach-Haus als weltweit größtes Museum für den Komponisten mit seinen exzellent aufgebauten Präsentationen, das Lutherhaus mit einer bemerkenswert gut kuratierten Dauerausstellung, das Thüringen-Museum im Stadtschloss, die Reuter-Wagner-Villa als der ehemalige Wohnort des Dichters Fritz Reuter, oder ganz einfach die baulichen Zeugnisse einer Stadt, die einst den Ehrgeiz hatte, Weltstadt zu werden. Die hervorragende Organisation der Reise ließ auch dafür genügend Raum.

Parsifal-Sound aus 8.801 Pfeifen

Andreas Boltz präsentiert die Klais-Orgel im Frankfurter Dom

Richard Wagner hat bekanntlich auf die Komposition großer Orgelwerke verzichtet. Seine heutigen Fans lassen sich trotzdem für dieses Instrument begeistern: 60 Mitglieder folgten am 17. März der Einladung des RWV Frankfurt zur Orgelmatinee und -führung im Dom St. Bartholomäus, der ehemaligen Krönungskirche deutscher Kaiser.
Dommusikdirektor Andreas Boltz hatte speziell für diese Gäste das Programm der Matinee gestaltet: Nach Stücken von Bach und Reger folgte als Hommage an den Bayreuther Meister der „Karfreitagszauber“ in einer Bearbeitung von Edwin Lemare. 

Vier Manuale, 115 Register und 8801 Pfeifen – ein zeitgenössisches Meisterwerk der Orgelbaufamilie Klais im Dom St. Bartholomäus zu Frankfurt am Main. Foto: C. Jenisch

Dann erwartete Boltz die Gruppe auf der Orgelempore, um sein Instrument mit all seinen Raffinessen vorzustellen. „Eigentlich ist eine Orgel ein gigantisches Blasinstrument mit einer Windanlage als ‚Herz-Lungen-Maschine‘“ erläuterte er. Wer direkt vor dem Pfeifenkasten platziert war, bekam handfest zu spüren, welche Luftmassen bewegt werden müssen, um alles zum Klingen zu bringen. Die sichtbaren Pfeifen machen nur einen Bruchteil des Werks aus; auf fast 9.000 davon bringt es die „Päpstin der Instrumente“ (H. Berlioz), von den kleinsten mit gerade 15 Millimetern bis zu den größten mit rund zehn Metern Länge. Sie ist damit die siebtgrößte Kirchenorgel in Deutschland. Die Bonner Orgelbaufirma Klais hat das neobarocke Werk in den 50er Jahren errichtet und nach und nach auf die heute Größe ausgebaut. Dadurch ist sie ein multifunktionelles Instrument und gleichermaßen für Orgelliteratur des Barock, der Romantik, aber auch für Zeitgenössisches hervorragend geeignet.

Passen nicht alle aufs Bild: 60 Mitglieder sitzen auf der Orgelempore und lauschen Dommusikdirektor Andreas Boltz sowie seinem Instrument. Foto: C. Jenisch

Vom Spieltisch mit vier Manualen und 116 Registern wird nicht nur die Hauptorgel bespielt, sondern auch die kleinere Orgel im Hochchor, was großartige Akustikdimensionen erzeugt. Boltz ließ es sich nicht nehmen, die verschiedenen Pfeifenformen – die schlanken „Streicher“, die breiten „Flöten“, die kraftvollen Prinzipale, die quer in den Raum ragenden spanischen Trompeten und viele andere mehr – mit ihren unterschiedlichen Charakteristiken, Tonhöhen und Lautstärken vorzustellen, gerne mit Beispielen aus „Parsifal“, der es ihm offenbar angetan hat. Er könne sich gut vorstellen, den „Karfreitagszauber“ künftig in der Fastenzeit ins Programm zu nehmen, trotz der jedes Mal sehr aufwändigen Registrierung. Der Orgel fehlt noch eine digitale Setzeranlage auf der man die Werke dauerhaft einrichtet und speichert. Die aber kostet einen sechsstelligen Betrag, und das Hochbauamt Frankfurt, das Herr über alle Kirchen und deren Ausstattung ist, wird sich angesichts der aktuellen Kassenlage nicht so leicht dafür gewinnen lassen.
Am 25. Mai gibt es im Dom eine Orgelnacht mit Musik aus Schottland – eine weitere Gelegenheit die Frankfurter „Päpstin“ zu erleben. 

Andreas Boltz spielte für die Frankfurter Wagner-Freunde den „Karfreitagszauber“ aus „Parsifal“ in der Orgel-Transkription von Edwin H. Lemare. Foto: C. Jenisch

Der schwere Brocken in Wagners Vita

Frank Piontek und Das Judenthum in der Musik

Der Autor des 6. Bandes der „Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung“, Dr. Frank Piontek, ordnet Wagners Traktat „Das Judenthum in der Musik“ klug und rhetorisch brillant ein. Foto: Dirk Jenders

Mit dem Traktat Das Judenthum in der Musik hat Richard Wagner seinen Anhängern ein Werk hinterlassen, das bis heute zu spalten vermag. Frank Piontek, Autor, Kulturjournalist und bekennender Wagner-Enthusiast, hat über das Werk und seine Verankerung in der Zeit geforscht und es in den Kontext von Wagners Persönlichkeit und Lebensweg gestellt. Im vergangenen Jahr konnte er das Ergebnis seiner Untersuchungen in unserem Partnerverband, dem RWV Leipzig, als Band 6 der „Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung“ publizieren; vor einer Woche (23.02.) hat er es unseren Verbandsmitgliedern und der interessierten Öffentlichkeit in Dr. Hoch’s Konservatorium vorgestellt.

Den Bericht über den Vortragsabend finden Sie hier

Der Vorsitzende unseres Partnerverbandes Leipzig, Thomas Krakow, weist zunächst auf den Festspielhaus-Architekt Otto Brückwald hin und führt dann in das Thema des Abends ein. Foto: Dirk Jenders

Das Ding des Nibelungen

Der Ring in 2:40h – Comedy-Lesung im Theatrallalla

„Da lieg‘, neidischer Kerl! Nothung trägst Du im Herzen.“ Fafner (Bastian Korf), Waldvöglein (Marlene Zimmer), Wanderer (Bäppi La Belle), Siegfried mit Plüschdrachenfisch (Mathias Münch) – Foto: Dirk Jenders

„Schläfst Du, Hagen, mein Sohn?.“ Schon möglich, dass manche Besucher der Götterdämmerung diesen Satz künftig nicht ohne (inneres) Kichern hören können. Diejenigen nämlich, die ihn bei der Comedy-Lesung des Rings im Frankfurter Theatrallalla erlebten – bei der ihn ein Alberich in grasgrüner Zipfelmütze mit gelben Öhrchen sprach. Mehr als zwei Dutzend unserer Mitglieder waren am gestrigen Sonntag bei der vergnüglichen Premiere dabei. Mit fünf äußerst wandlungsfähigen Darstellern spannte sie in weniger als drei Stunden den Bogen von den leichtfertigen Rheintöchtern am Beginn der Tetralogie bis zur Schlussszene der Götterdämmerung, in der diese den Ring wieder in Empfang nehmen.
Es stimmt natürlich: Das Textbuch zum Ring des Nibelungen wurde nicht für eine Lesung geschrieben, Theaterchef und Comedian Bäppi La Belle, bürgerlich Thomas Bäppler-Wolf, ausgewiesener Wagner-Freund und seit kurzem auch Mitglied im RWV Frankfurt, brauchte nur das richtige Gespür für Striche, um aus dem gesprochenen Weltendrama eine Komödie zu machen. Den Rest besorgte die Ausstattung mit phantasievollen Kopfbedeckungen, die den Darstellern in Sekundenschnelle den Rollenwechsel ermöglichten. Wo sonst wird Brünnhilde – rotbezopft mit Wikingerhörnern – im Zwiegespräch mit Hagen von ein und derselben Person dargestellt: nämlich vom schwergewichtigen zwei-Meter-Mann Thomas Bäppler-Wolf, der einfach einen Schlapphut über die Hörner stülpt, um zum Bösewicht zu wechseln (und durchaus überzeugend auch eine der Rheintöchter spricht). Und was mehr braucht es für die Riesen als einen gelben Bauhelm, für Fricka ein Nudelholz, für Freia ein ausuferndes Obst-Arrangement auf dem Kopf und für Siegfried ein rotes Basecap, um glaubwürdig in die jeweilige Rolle zu schlüpfen. Fazit: für alle, die den respektlosen Umgang mit dem großen Meister nicht als Sakrileg empfinden, sehr empfehlenswert; leider nur kurz im Programm, aber vielleicht gibt es ja eine Wiederaufnahme.

„Siegfried, sieh auf mich.“ Die verschämte Brünnhilde (Bäppi La Belle) mit gangsta style-Siegfried (Mathias Münch) – Foto: Dirk Jenders

Nicht immer diese Gräfinnen

Camilla Nylund im Künstlergespräch beim RWV Frankfurt

Die Chemie stimmte sofort: Sopranistin Camilla Nylund mit Gastgeber Dirk Jenders (Foto: B. Lammer)

Was sie gerne noch singen möchte? „Eine Rolle, in der man auch böse sein kann.“ Ein echtes Kontrastprogramm also zu den Elsas, Elisabeths oder Kaiserinnen, mit denen Camilla Nylund auf den großen Opernbühnen der Welt brilliert, und eben auch zur Gräfin Madeleine, mit der sie gerade das Frankfurter Publikum in Richard Strauss’ „Capriccio“ in ihren Bann zieht. Zwischen zwei Vorstellungen plauderte Nylund höchst unterhaltsam und informativ beim Jour Fixe unseres Verbands mit Dirk Jenders über ihren Lebensweg und die Opernwelt – und ganz nebenbei gab es auch eine kurze Einführung in die Geschichte Finnlands, wo sie als Kind der schwedischen Minderheit zur Welt kam.

Ihre Ausbildung startete die Sopranistin in Turku. Dass sie anschließend in Helsinki nicht angenommen wurde, hat sie damals „zu Tode betrübt“, letztlich erwies es sich aber als Glücksfall. Denn so kam sie ans Mozarteum nach Salzburg, wo Eva Illes sie lehrte „die hohen Töne zu singen“. Noch heute erzählt Nylund mit großer Dankbarkeit von dieser entscheidenden Phase ihrer Stimmentwicklung. Seit 1999 lebt sie in Dresden, das nicht mehr „grau, hässlich und komisch“ ist wie zehn Jahre zuvor, als sie es bei einem Zwischenstopp am Tag nach der Währungsunion kennenlernte. Hier hat sie mit dem Tenor Anton Saris eine Familie gegründet und steckt nun wie alle berufstätigen Mütter im Hamsterrad: „Als Frau muss man die Kontrolle über alles haben und zehn oder zwanzig Sachen gleichzeitig machen“. Aber sobald sie dann auf der Bühne steht, findet sie sich reich belohnt. „Singen hat mir in vielen Situationen sehr geholfen – es ist gut für Kopf, Herz, Gemüt und Körper“, erklärt Nylund. Besonders gut aufgehoben fühlt sich die geistreich-charmante Sängerin, die praktisch alle Wagner-Rollen ihres Fachs erarbeitet hat, in der Musik von Richard Strauss. „Das liegt einfach gut in der Kehle.“ Und sie achtet darauf, die „Stimme mit dem Silberklang“ (Wolfgang Rennert) nicht zu überfordern. „Mein Ziel ist eine lange Karriere“.

Die Zusammenarbeit mit der Sänger-Legende Brigitte Fassbaender bei der aktuellen Frankfurter „Capricccio“-Inszenierung hat sie als äußerst angenehm erlebt. Dabei sind ihre Erfahrungen mit Regisseuren durchaus unterschiedlich. Bis heute würde sie gerne mit Peter Konwitschny ein Hühnchen rupfen, weil er sie wegen ihrer Schwangerschaft bei der Besetzung der (damals skandalumwitterten) Dresdner „Czardasfürstin“ zurückwies. Bei manchem Regisseur frage sie sich auch, warum der überhaupt inszenieren dürfe. Verrückte Ideen mag sie durchaus; findet aber zugleich, dass man nicht jeden Blödsinn mitmachen muss. Wo sie die rote Linie zieht, mochte Nylund nicht verraten. Sie gesteht aber: „Nach der intensiven Probenzeit genieße ich die Vorstellungen richtig. Das ist Befreiung pur, niemand kann mehr Haltung und Mimik kritisieren oder sagen, ich müsste zwei Schritte weiter rechts stehen.“ Und es ist offenkundig: die Freude am Singen und Spielen spürt ihr Publikum.

Camilla Nylund als Gräfin Madeleine mit GMD Sebastian Weigle beim „Capriccio“-Schlussapplaus im Januar 2018 an der Oper Frankfurt (Foto: B. Lammer)

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