Jacques O.: der verlorene Sohn

Frankfurter Wagner-Kontexte widmen sich Offenbachs Rheinnixen   

Am 4. Februar 1864 wurde Jacques Offenbachs Große romantische Oper Die Rheinnixen an der Wiener Hofoper uraufgeführt und verdrängte die geplante Premiere von Richard Wagners Tristan und Isolde, die nach nicht weniger als 77 Proben als „unaufführbar“ abgesagt wurde, vom Spielplan. Hier kreuzten sich die beruflichen Wege zweier Komponisten, die einander vermutlich nie persönlich begegnet sind und die man auf den ersten Blick durchaus als Antipoden sehen kann: Hier der glücklich verheiratete Erfinder der Operette, Parodist und eingebürgerte französische Jude mit Kölner Wurzeln, dort der unstete Schwärmer, Großmeister der schweren dramatischen Kost und deutsche Antisemit aus Leipzig.

Bei näherem Hinsehen erweisen sich solche holzschnittartigen Vergleiche nicht selten als zu grob. Offenbach und Wagner nahmen aber tatsächlich höchst unterschiedliche musikalische Standpunkte ein, verfolgten absolut divergierende ästhetische Konzepte und waren einander in profunder Abneigung verbunden. Immerhin und trotz aller wechselseitigen Schmähungen erteilte Richard Wagner zehn Monate vor seinem Tod dem Kollegen den Ritterschlag: „Offenbach hätte ein zweiter Mozart werden können.

Höchst unterschiedlich war bislang auch die Intensität der musikwissenschaftlichen Rezeption der beiden Komponisten. Während es für Wagner ganze Bibliotheken von Veröffentlichungen gibt, lag bei Offenbach der Schwerpunkt bislang, abgesehen von der wissenschaftlichen Durchdringung des Spätwerks Les Contes d’Hoffmann, bei biographischen Ansätzen und den Libretti.

Dr. Anatol Stefan Riemer – Publikationsstipendiat 2020 im RWV Frankfurt (Foto: privat)

Mit seiner Dissertation über Die Rheinnixen verkleinert Anatol Stefan Riemer die bestehende Forschungslücke und baut zudem eine Brücke zu Wagners Wiener Tristan-Flop. Er untersucht die Kompositionstechnik Offenbachs mit besonderem Blick auf die Themen Erinnerungsmotivik, Chorbehandlung, musikalische Rollendarstellung sowie Verhältnis von Parodie und Wahrhaftigkeit. Dessen Große romantische Oper verdient eine Renaissance – auch an großen Häusern – und würde den „verlorenen Sohn“ des Musiktheaters aus der Can-Can-Schublade holen.

Bevor Dr. Riemer an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt kam, studierte er Komposition / Elektronische Komposition, Musiktheorie und Musikwissenschaft an der Folkwang-Hochschule Essen. Schwerpunkte seiner Studien bilden Oper im 19. Jahrhundert, Symphonik sowie Musik des 20. Jahrhunderts. Sein kompositorisches Werk umfasst Solo-, Ensemble-, Orchester- und Chorstücke sowie zahlreiche Lieder.

Neuerscheinung Band 3 der Frankfurter Wagner-Kontexte – herausgegeben vom Richard-Wagner-Verband (RWV) Frankfurt im Tectum Verlag Baden-Baden:
Anatol Stefan Riemer
Die Rheinnixen contra Tristan und Isolde an der Wiener Hofoper
Studien zu Jacques Offenbachs Großer romantischer Oper aus dem Jahr 1864

Weitere Infos inkl. Link zum online-Shop des Verlages finden Sie > hier

Der RWV Frankfurt dotierte sein diesjähriges Publikationsstipendium mit 3.000 Euro und trägt damit die Druckkosten der Neuerscheinung.