Nicht immer diese Gräfinnen

Camilla Nylund im Künstlergespräch beim RWV Frankfurt

Die Chemie stimmte sofort: Sopranistin Camilla Nylund mit Gastgeber Dirk Jenders (Foto: B. Lammer)

Was sie gerne noch singen möchte? „Eine Rolle, in der man auch böse sein kann.“ Ein echtes Kontrastprogramm also zu den Elsas, Elisabeths oder Kaiserinnen, mit denen Camilla Nylund auf den großen Opernbühnen der Welt brilliert, und eben auch zur Gräfin Madeleine, mit der sie gerade das Frankfurter Publikum in Richard Strauss’ „Capriccio“ in ihren Bann zieht. Zwischen zwei Vorstellungen plauderte Nylund höchst unterhaltsam und informativ beim Jour Fixe unseres Verbands mit Dirk Jenders über ihren Lebensweg und die Opernwelt – und ganz nebenbei gab es auch eine kurze Einführung in die Geschichte Finnlands, wo sie als Kind der schwedischen Minderheit zur Welt kam.

Ihre Ausbildung startete die Sopranistin in Turku. Dass sie anschließend in Helsinki nicht angenommen wurde, hat sie damals „zu Tode betrübt“, letztlich erwies es sich aber als Glücksfall. Denn so kam sie ans Mozarteum nach Salzburg, wo Eva Illes sie lehrte „die hohen Töne zu singen“. Noch heute erzählt Nylund mit großer Dankbarkeit von dieser entscheidenden Phase ihrer Stimmentwicklung. Seit 1999 lebt sie in Dresden, das nicht mehr „grau, hässlich und komisch“ ist wie zehn Jahre zuvor, als sie es bei einem Zwischenstopp am Tag nach der Währungsunion kennenlernte. Hier hat sie mit dem Tenor Anton Saris eine Familie gegründet und steckt nun wie alle berufstätigen Mütter im Hamsterrad: „Als Frau muss man die Kontrolle über alles haben und zehn oder zwanzig Sachen gleichzeitig machen“. Aber sobald sie dann auf der Bühne steht, findet sie sich reich belohnt. „Singen hat mir in vielen Situationen sehr geholfen – es ist gut für Kopf, Herz, Gemüt und Körper“, erklärt Nylund. Besonders gut aufgehoben fühlt sich die geistreich-charmante Sängerin, die praktisch alle Wagner-Rollen ihres Fachs erarbeitet hat, in der Musik von Richard Strauss. „Das liegt einfach gut in der Kehle.“ Und sie achtet darauf, die „Stimme mit dem Silberklang“ (Wolfgang Rennert) nicht zu überfordern. „Mein Ziel ist eine lange Karriere“.

Die Zusammenarbeit mit der Sänger-Legende Brigitte Fassbaender bei der aktuellen Frankfurter „Capricccio“-Inszenierung hat sie als äußerst angenehm erlebt. Dabei sind ihre Erfahrungen mit Regisseuren durchaus unterschiedlich. Bis heute würde sie gerne mit Peter Konwitschny ein Hühnchen rupfen, weil er sie wegen ihrer Schwangerschaft bei der Besetzung der (damals skandalumwitterten) Dresdner „Czardasfürstin“ zurückwies. Bei manchem Regisseur frage sie sich auch, warum der überhaupt inszenieren dürfe. Verrückte Ideen mag sie durchaus; findet aber zugleich, dass man nicht jeden Blödsinn mitmachen muss. Wo sie die rote Linie zieht, mochte Nylund nicht verraten. Sie gesteht aber: „Nach der intensiven Probenzeit genieße ich die Vorstellungen richtig. Das ist Befreiung pur, niemand kann mehr Haltung und Mimik kritisieren oder sagen, ich müsste zwei Schritte weiter rechts stehen.“ Und es ist offenkundig: die Freude am Singen und Spielen spürt ihr Publikum.

Camilla Nylund als Gräfin Madeleine mit GMD Sebastian Weigle beim „Capriccio“-Schlussapplaus im Januar 2018 an der Oper Frankfurt (Foto: B. Lammer)

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