Beefsteaks, Schwimmmaschinen und die Farbe Blau

Die ersten Bayreuther Festspiele 1876

Text: Hannelore Schmid

„Event im Advent“ im Dr. Hoch’s Konservatorium – Foto: RWV Frankfurt

Der Event im Advent ist im Frankfurter Richard-Wagner-Verband Tradition geworden. Auch diesmal beschlossen über 50 Mitglieder das Veranstaltungsjahr im stimmungsvoll geschmückten Saal des Dr. Hoch’schen Konservatoriums bei Original Dresdner Stollen und Rheingold-Sekt. Zuvor hatte sie Bernd Zegowitz, Professor für Literaturwissenschaft an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, auf eine Zeitreise zu den ersten Bayreuther Festspielen 1876 entführt und aus der von ihm dazu vorgelegten Anthologie interessante wie amüsante Ereignisse und Begebenheiten zusammengestellt.

Die Festspiele mit den ersten Aufführungen des kompletten Ring des Nibelungen wurden zum Medienereignis ersten Ranges. Allein aus Deutschland waren über 60 Kritiker angereist. Auch die internationale Presse bis hin zur New York Times hatte ihre Musikexperten in die kleine fränkische Residenzstadt geschickt. Selbst Komponistenkollegen wie Edvard Grieg, Camille Saint-Saëns und Peter Tschaikowski waren als Kritiker unterwegs.

Referent und Buchautor Bernd Zegowitz – Foto: RWV Frankfurt

Richard Wagner höchstselbst besorgte die Inszenierung. Er entwickelte dabei nicht nur hohe Ansprüche, sondern auch eine große Offenheit für dato unbekannte Techniken und Darstellungsformen. Für die Rheintöchter hatte er sich „Schwimmmaschinen“ ausgedacht, hohe Gestelle auf Wagen, die hinter Kulissen von zwei Männern geschoben und einem dritten gelenkt wurden. Die Sängerinnen agierten liegend und vermittelten so tatsächlich die Illusion von schwimmenden Nixen. Große Kessel erzeugten Wasserdampf, um Nebel oder den Rauch aus der Nibelungen-Schmiede zu simulieren. Um Brünnhilde loderten echte Flammen, als Wotan sie auf den Felsen verbannte. Probleme konnten dabei nicht ausbleiben. Den riesigen Lindwurm im Siegfried hatte Wagner bei einem englischen Spezialunternehmen bestellt, das den Drachen in Einzelteile zerlegt auf die Reise schickte. Der Hals blieb irgendwo zwischen London und Bayreuth stecken. So mussten die ersten Aufführungen mit einem „entstellten Ungethüm“ ablaufen. „Stümperei“, schimpften die Kritiker.

Wagner probierte alles, was er seinen Künstlern szenisch zumutete, zunächst selbst aus – auch die erwähnten Schwimmmaschinen. Den Dirigenten Felix Mottl beeindruckte dies ebenso wie Wagners Regieleistung, seine Zurückgenommenheit in der Personenführung, die alle unnötigen Bewegungen vermeiden hieß, sowie die „Behändigkeit, Frische und Elastizität“ des damals schon über Sechzigjährigen.

Zu einem speziellen Problem avancierte Wagner-Gattin Cosima, die sich ständig und überall einmischte und versuchte, ihre Eindrücke aus der Lektüre unterschiedlichster Quellen in die Regiearbeit einzubringen. Dabei schreckte sie nicht zurück, befreundete Damen der Gesellschaft intrigieren zu lassen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Zu einer langwierigen Auseinandersetzung kam es mit Carl Emil Doepler, der die Ausstattung besorgte. Seine Bühnenelemente enthielten nach dem Geschmack dieser Damen (in Wirklichkeit Cosimas) entschieden zu viel Blau; diese Farbe habe es – nach ihrer Überzeugung – zu Zeiten der Nibelungensage noch gar nicht gegeben.

Geprobt wurde in einer Turnhalle und im Markgräflichen Opernhaus. Als Wagners Festspielhaus auf dem Grünen Hügel bezogen worden war, machte es auch auf seinen Intimfeind Eduard Hanslick Eindruck. Der lobte die „sinnreiche Neuheit“ des Theaters: den amphitheatralischen Aufbau, den gleich guten Blick von allen Plätzen, den verdunkelten Zuschauerraum bei gleichzeitig hellerleuchteter Bühne und die Gestaltung des Orchestergrabens.

Abseits des Theaters gab es zudem sehr profane Herausforderungen zu meistern. „Über den Kampf um Beefsteaks, Bratkartoffeln und Bier sprach das Publikum mehr als von Wagners Musik“, konstatierte Tschaikowski. Der simple Grund: Bayreuth mit damals etwa 14.000 Einwohnern ächzte unter dem ungewohnten Ansturm der Besuchermassen. Die Wirte, Bäcker und Metzger schafften es nicht, die hochelegante „Volksversammlung“, wie Wilhelm Marr das angereiste Publikum in seinen Fest-Plaudereien bezeichnete, sattzumachen.

Peter Tschaikowski hatte am Ring einiges zu kritisieren. „Ich hab noch nie etwas Langweiligeres und derart in die Länge gezogenes gehört wie die Nibelungen“, schrieb er. „Nach den letzten Akten der Götterdämmerung fühlte ich mich wie aus einer Gefangenschaft befreit.“ Eduard Hanslick lästerte über „die stammelnden und stotternden Stabreime“; ohne Musik würden sie nur „mit Ärgernis gemischte Heiterkeit“ hervorrufen. Auch Ludwig Speidel beklagte die „verlotterte Sprache, ein schaukelndes Wiegenlied, bei dem sich vortrefflich schlummern und von guter Musik träumen lässt“.

Mehrheitlich urteilten die Kritiker negativ über die ersten Festspiele. Richard Wagner selbst war klar, dass der Einstand noch nicht meisterlich gelungen war. „Im nächsten Jahr machen wir alles anders“, schrieb er an König Ludwig, seinen Mäzen. Doeplers Bühnenbild wurde an den Leipziger Operndirektor Angelo Neumann verkauft und dieser tourte mit Wagners Tetralogie unter großem Zulauf des Publikums einige Jahre durch ganz Europa. Ein zweites Bayreuther Ring-Jahr erlebte Wagner nicht mehr. Erst 1882 fanden wieder Festspiele mit der Parsifal-Uraufführung statt. Eduard Hanslick bezeichnete Richard Wagner danach als den größten lebenden Opernkomponisten. Das war sechs Monate vor Wagners Tod in Venedig.