Das Ernste im Komischen

Erkenntnisreicher Vortrag über den Komponisten Jacques Offenbach „zwischen den Stühlen“

Sie waren Zeitgenossen, ihre Wege kreuzten sich, auch wenn sie sich nicht trafen, sie wussten voneinander. „Richard Wagner und Jacques Offenbach werden sich beäugt haben – geschätzt haben sie sich nicht,“ weiß Anatol Stefan Riemer. Der Musikwissenschaftler an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt hat sich als Autor des dritten Bandes der Frankfurter Wagner-Kontexte damit beschäftigt, wie Offenbachs Rheinnixen 1864 in Wien den Tristan vom Spielplan verdrängten.

Dr. Anatol Stefan Riemer versteht es, für Jacques Offenbach zu begeistern – Foto: RWV Frankfurt

„Zwischen den Stühlen“ nannte Riemer seinen Vortrag über den in Köln als Sohn des größten Synagogenkantors seiner Zeit geborenen Komponisten. Schon mit 14 Jahren schickte ihn der Vater nach Paris, um ihm eine hervorragende musikalische Ausbildung zukommen zu lassen. Es war daher wohl naheliegend, dass Offenbach den deutschen und französischen Kompositionsstil zur „deutsch-französischen Romantik“ verband.

Diese Entnationalisierung der Musik traf insbesondere nach dem deutsch-französischen Krieg auf eine nationalistische deutsche Kritik. „Scham, wo ist Deine Röte“, schrieb damals ein Kritiker. „Was für entsetzliche Menschen diese Preußen doch sind“, konterte Offenbach und zeigte sich Frankreich gegenüber dankbar, ihn aufgenommen zu haben. Obwohl er lange zuvor die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, wurde er jedoch auch von französischer Seite diskriminiert. „Offenbach lässt sich jedoch keinesfalls nationalistisch einengen“, wie Riemer befindet.

Die Lust, Gegensätzliches zusammenzuführen, das komplexe Wechselspiel zwischen Negation und Affirmation, von Idylle und Parodie, von Ironie und Sentiment ist in vielen Werken Offenbachs erkennbar. Wie dies musikalisch umgesetzt ist, demonstrierte Suzanne Reber mit temperamentvollem Vortrag am Flügel an vielen unterschiedlichen Beispielen: kurzen Auszügen, Notenfolgen oder auch nur Akkorden. Die Liebeserklärung der Großherzogin von Gerolstein illustriert das Ernste im Komischen. Umgekehrt hat der Komponist auch buffoneske Elemente in ernste Handlungen eingebettet und damit die Tragik konterkariert, wie er anhand der Rheinnixen darlegte.

Insgesamt 140 Bühnenwerke und mehr als 600 Einzelkompositionen von Offenbach sind heute bekannt, darunter über 70 Einzelwerke für Violoncello – das Instrument, das am Anfang seiner Musikerlaufbahn stand. „Seine Vielseitigkeit gilt es weiter zu entdecken“, meinte Riemer. Und einen versöhnlichen Abschluss wusste er auch. „Offenbach hätte ein zweiter Mozart werden können,“ soll der späte Richard Wagner geurteilt haben. Das Urteil der Besucher des Abends, darunter viele Studierende der Hochschule, fiel noch klarer aus: Langanhaltender Beifall für Anatol Stefan Riemer und Suzanne Reber für einen erkenntnisreichen Abend.

RWV-Vorstandsmitglied Dr. Sven Hartung begrüßte die Gäste und führte ins Thema ein – Foto: RWV Frankfurt