„Ich wäre lieber blind“

Videokünstler Manuel Braun zu Gast im Frankfurter Wagner-Salon 

Mit dem Stichwort „Video“ kann man unter Opernfreunden heftige Diskussionen anheizen. Tatsächlich sind Videoeinspielungen in Opernproduktionen oft reine Bebilderungen oder gar ein Ersatz für Bühnenausstattung oder Regiekonzept.

Bildausschnitt aus Video zu Mahlers 2. Sinfonie von Manuel Braun

Etwas völlig anderes sind dagegen die aufregenden, mit der Musik verschmelzenden und aktiv in die Regie eingebundenen Arbeiten des Videokünstlers und –regisseurs Manuel Braun, den wir im Rahmen unseres 5. Frankfurter Wagner-Salons als Gast begrüßen durften.

Manuel Braun gehört zum Regieteam von Tobias Kratzer und das Frankfurter Opernpublikum kennt natürlich ihre monumentalen, bildstarken Produktionen zu Meyerbeers L’Africaine (2018) und Verdis La forza del destino (2019). Aber spätestens seit dem letzten Bayreuther Tannhäuser (2019) kennt ihn die ganze Opernwelt. Die Inszenierung wurde von Publikum und Kritikern gleichermaßen gefeiert und in der Zeitschrift „Opernwelt“ als Inszenierung des Jahres ausgezeichnet.

In dem sehr kurzweiligen und von Dirk Jenders moderierten Gespräch gab uns Manuel Braun einen Einblick in seinen Werdegang und berichtete von der Entstehungsgeschichte unterschiedlicher Arbeiten.

Den ersten Einblick des Abends in seine bildgewaltige, assoziative Sprache und Ästhetik erhielten wir anhand der Videoarbeit zu Gustav Mahlers Totenfeier, dem ersten Satz der Auferstehungssinfonie. Wir sehen schnelle Bildfolgen, Verfremdungen, Überlappungen, Wechsel von schwarz/weiß zu farbigen Motiven als einen starken Kommentar zur Musik (zum Video > hier). Spannend ist dabei zu sehen, wie die Kombination von bekannter Musik mit scheinbar bekannten Bildern – Menschen, Körperteile, Naturelemente, Kriegsereignisse etc. – etwas völlig Neues ergibt. „Alle Bilder sind bereits vorhanden – Geschichte wiederholt sich“, meint der Videokünstler und ergänzt „Man kann alle Geschichten aus bestehenden Bildern erzeugen“. Und dieselben Bilder können auch mit anderer Musik ganz neue Emotionen auslösen. Wie dies funktioniert, zeigen seine Popmusik-Videos, wie wir am Beispiel von „Alles was bleibt“ von Timur und der tote Elefant sehen konnten (Video > hier).

Die Frage, ob dies nicht auch ablehnende Reaktionen provoziere, bejahte der Künstler explizit. Kunst solle bei Menschen generell Reaktionen auslösen, egal in welche Richtung. Und bei Bildkunst kommt hinzu, dass man den Bildern nicht ausweichen kann. „ Es gibt eine Zeugenschaft der Bilder. Man kann sie nicht ignorieren, man kann sie nicht ungeschehen machen, man kann sich höchstens dazu positionieren.“

Entstanden ist die Arbeit an Mahlers 2. Sinfonie übrigens aus Eigenantrieb, ausgelöst durch ein Geschenk der Partitur. „Viele meiner Arbeiten entstehen erstmal nur für mich, als eine Art Heilung von der Welt“ gestand Manuel Braun. Er bestätigt damit viele Künstler, die eher aus einem inneren Drang arbeiten müssen und nicht primär aus externen Zwängen.

Wenn man die Tempi seiner Collagen und die exakt auf die Partitur gesetzten Bildschnitte sieht, vermutet man zumindest eine musikalische Grundausbildung. Überraschend gestand er aber, über gar keine spezielle Ausbildung zu verfügen. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie und ist aufgewachsen mit Geschichten und Musik. Und mit praktischen Theater- und Filmerfahrungen an der Schule. Dies und eine gewisse Offenheit für die Welt, eine persönliche Emotionalität und Betroffenheit, haben ihn schnell zum Münchner Volkstheater geführt.

Ein wichtiger Schritt war sicherlich die Zusammenarbeit mit Tobias Kratzer. Beide waren am Badischen Staatstheater Karlsruhe tätig und haben sich dort kennen- und schätzen gelernt. Eine erste, erfolgreiche Zusammenarbeit gab es hier mit Meyerbeers Le Prophète (2017). „Es hat einfach sofort für beide Seiten gut gepasst“, berichtete Manuel Braun rückblickend.

Foto: RWV Frankfurt

Der Anstoß für ein Projekt kommt dabei immer vom Regisseur. Ab dann werden in der Vorbereitung die Entscheidungen im Team getroffen, wobei „immer die beste Idee gewinnt“. Zum Beispiel war von Anfang an klar, dass der Bayreuther Tannhäuser als ein Roadmovie angelegt wird. Der Video-Einsatz wurde so zur „zwingenden Notwendigkeit“, da man auf der Bühne keine Reise der Protagonisten von Punkt A nach B überzeugend darstellen könne. Das integrierende Zusammenspiel von Bühnen-Geschehen, vorab gedrehten und live generierten Aufnahmen begeisterte ein Großteil des Publikums und sprach vor allem die jüngere Generation an, so auch die meisten Stipendiaten der Wagner-Verbände. Eine Reizüberflutung durch den Einsatz bewegter Bilder sieht Manuel Braun nicht unbedingt. Schließlich soll der Zuschauer mitgenommen und nicht überfordert werden. Und der Blick werde gezielt gelenkt.

Die konkrete Umsetzung der Ideen muss besonders in der Probenphase einem straffen Plan folgen, der weniger Freiheiten zulässt. Eine besondere Produktion war hier sicher die Frankfurter Inszenierung von Verdis La forza del destino, wo es zu einer aufwändigen Verdoppelung von Bühnen- und Filmgeschehen kam. Das Spiel mit der zweifachen Handlung und Besetzungspolitik – einem eher früheren Rollenklischees entsprechenden „Type Casting“ im Film versus der aktuellen, durchaus wechselnden Tagesbesetzung auf der Bühne – ergab eine besonders reizvolle Konstellation. Die Dreharbeiten dazu auf der Probebühne waren herausfordernd. Wie in einer typischen Low-Budget-Produktion standen nur wenige Mittel zur Verfügung und fast alle Handgriffe am Set wurden von Manuel Braun (Kamera, Schnitt) und Tobias Kratzer (Beleuchtung, Requisite) selbst ausgeführt. „Wir brauchten acht Arme“ meinte er lachend. Trotzdem entsteht ein Ergebnis, was mit den Sehgewohnheiten des Publikums konkurrieren muss und kann.

Ein sehr interessanter und von vielen unserer Mitglieder sicherlich neuer Gedanke war die Orientierung an sich verändernden Konsum- und Sehgewohnheiten. Zum Beispiel wird heutzutage bereits im Vorspann einer Netflix-Serie Inhalt und Ästhetik der einzelnen Folgen vorweg genommen. Ein ähnlicher Ansatz wurde deshalb bei der filmisch inszenierten Ouvertüre zu Mozarts Lucio Silla (2017) an der Oper La Monnaie Brüssel verfolgt (Video > hier).

Ein künstlerischer wie beruflicher Höhepunkt war die Zusammenarbeit mit Dirigentin Joana Mallwitz und ihrer Staatsphilharmonie Nürnberg. Mit ihnen produzierte er für BR-Klassik den Videorundgang Der betrunkene Beethoven (2020) durch dessen 7. Sinfonie. Das als Online-Expeditionskonzert konzipierte Format gehört mit über 500.000 Klicks zu den meistgesehenen Videos von BR Klassik und wird inzwischen für den schulischen Musikunterricht genutzt. Aufgrund des großen Erfolges wurde eine weitere Folge zur 6. Sinfonie Beethovens produziert, in die wir im Wagner-Salon einen kleinen Einblick gewonnen haben (Video > hier). Diese kurzweiligen, unterhaltsamen und modern geschnittenen Bilder haben die Menschen abgeholt. Eine Zuschauerin schrieb begeistert: „Die Corona-Optik wird Geschichte schreiben.“ Zudem entfalteten die Aufnahmen in einem leeren Opernhaus eine eigene Poesie und waren ein wehmütiges Statement während der Hochphase der Corona-Pandemie 2020.

Natürlich wurde in dem Gespräche auch die aktuelle Debatte über die Zukunft der Oper und die Entwicklung der gerade durch die Corona-Pandemie beschleunigten Digitalisierung diskutiert. Manuel Braun sieht die Entwicklung entspannt. Er freut sich zum Beispiel auf die für 2023 angekündigte Bayreuther Parsifal-Inszenierung durch Jan Scheib, bei der Spezialbrillen für „Augmented Reality“ zum Einsatz kommen sollen. Aber „Digitales hat auch Grenzen und Theaterräume als Orte des unmittelbaren Erlebnisses wird es immer geben.“ Seine Liebe zur Bühne und Musik sei übrigens der Grund, warum er im Theater arbeitet und nicht im Film-Business.

Dann gab es noch einen Streifzug durch ausgewählte Fotoarbeiten. Denn die Fotographie ist eine weitere Kunstform, für die er einen eigenen Stil und Zugang gefunden hat. Die Bilder zeigen bevorzugt Räume, kaum Menschen und wenn eher ihn selbst. Es ist ein Spiel mit vorhandenem Licht und dem aktuellen Moment. Die Bilder sind keine Inszenierungen und werden auch nicht digital nachbearbeitet. Das würde der Intention widersprechen, die aktuelle Stimmung einzufangen. „Mein Herz ist oft noch in der Vergangenheit, aber der Kopf schon in der Zukunft“ umschreibt der Künstler den Versuch, eine Verbindung mit dem Moment und der Welt festzuhalten. Ein Selbstportrait – auch als Akt – bestätige ihm, dass er existiere und sei in seinem durchaus stressigen Berufsalltag ein kostbarer, heilsamer, ja poetischer Augenblick. Die Sehnsucht nach diesen Momenten speise sich auch aus der Angst vor der Vergänglichkeit, vor dem Tod.

Foto: RWV Frankfurt

Zum Schluss gab es einen Ausblick auf kommende Projekte wie Puccinis Il Trittico am La Monnaie in Brüssel, die Uraufführung von Haas‘ Liebesgesang am Theater Bern oder die Wiederaufnahme des Tannhäuser während der Bayreuther Festspiele 2022.

Es war definitiv ein kurzweiliger und Horizonte erweiternder Abend, bei dem wir einen neuen Aspekt im Opernbetrieb vertiefen konnten. Und wo das noch junge, eher aus der Not geborene Online-Format des Wagner-Salons seine vollen Stärken entfalten konnte. Denn einen vielgefragten und kundigen Videokünstler bekommt man nicht alle Tage zum Gespräch und kann sich nicht dessen Arbeit gemeinsam anschauen.

Eine wichtige Erkenntnis war für uns, dass ein visuell orientierter Künstler wie Manuel Braun seine Inspiration aus einer tiefen, emotionalen Verbundenheit zur Musik schöpft. Es muss somit keinen Widerspruch zwischen Musik und Bildern geben, wenn das eine aus der Kraft des anderen entspringt. „Ich könnte nicht ohne Musik. Vor die ultimative Wahl gestellt, wäre ich lieber blind als taub“, sagt ausgerechnet der Bildererfinder. Und eine Botschaft ist ihm besonders wichtig: „Meine Videos sind nicht unbedingt für das Internet gemacht, sondern als Live-Erlebnis für Menschen im Theater und Konzertsaal.“

Man ahnt, dass Oper immer eine Zukunft haben wird, wenn sie sich auf ihre Stärken besinnt und durch Theaterschaffende wie Publikum die Chance erhält, sich künstlerisch und ästhetisch weiterzuentwickeln.