Neu-Bayreuth – Mythos und Realität

Dr. Sven Friedrich entzaubert den Starkult um Wieland Wagner

Fritz Bauer hätte es gefallen: Dr. Sven Friedrich analysiert Wieland Wagners Rolle in der Ära „Neu-Bayreuth“ schonungslos – Foto: RWV Frankfurt

Auf Einladung des Fritz Bauer Instituts räumte der Leiter des Richard Wagner Museums mit Nationalarchiv und Forschungsstätte der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth, Dr. Sven Friedrich, mit einem Mythos auf: der „Stunde null“ von Wieland Wagners „Neu-Bayreuth“.

In der Hybrid-Veranstaltung in der Goethe-Universität Frankfurt, die neben den Zuhörern im Saal über 50 Gäste im > Youtube-Livestream verfolgten, wurden viele Wahrheiten über den NS-belasteten Neubeginn der Bayreuther Festspiele von 1951 ausgesprochen. Was als revolutionäre Erneuerung galt und bis heute von vielen verklärt wird, barg tatsächlich jede Menge reaktionärer Kontinuität aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte, die auch die Geschichte der Bayreuther Familie Wagner ist.

„Janusköpfig und kompromisslerisch“

So bewertet Sven Friedrich das Produkt, das Wieland Wagner als „Neu-Bayreuth“ zum Mythos stilisierte und das ein Schlussstrich unter eine problematische Vergangenheit werden sollte. Als „Kronprinz“ der Dynastie – Cosima Wagner führte das Erbfolgeprinzip in der Festspielleitung ein – hatte der Wagner-Enkel Wieland ebenso wie seine Mutter Winifred engste Beziehungen zu Adolf Hitler aufgebaut. „Hitlers Hoftheater“, wie Thomas Mann spottete, lieferte mit Richard Wagners Gedankengut (und später mit dem des Bayreuth-Granden Houston Stewart Chamberlain) wesentliche Elemente nationalsozialistischen Denkens. „Wenn im Nationalsozialismus überhaupt eine Gesinnung da war, dann war es Bayreuther Gesinnung“, zitierte Friedrich „den ersten“ Wagner-Enkel Franz Wilhelm Beidler (Sohn von Wagner-Tochter Isolde und dem Dirigenten Franz Beidler).

Wieland Wagner nutzte die Nähe zum Führer, um trotz seines jugendlichen Alters Ansprüche als alleiniger Festspielleiter anzumelden und „seinen ungeheuren Machtwillen“ umzusetzen. Er habe bis zum Schluss an den Endsieg geglaubt, so Friedrich, zumal ihn „Onkel Wolf“ auf die „Gottbegnadete-Liste“ gesetzt und ihm dadurch den Kriegsdienst erspart hatte. Sein Schwager und „Kraft durch Freude“-Chef Bodo Lafferentz verschaffte ihm zudem einen „kriegssicheren“ Job in der KZ-Außenstelle Flossenbürg, in der modernste Raketen-Antriebstechnik entwickelt wurde. Hitler hatte überdies geplant, ihn mit der Leitung von „Friedensfestspielen“ 1945 in Bayreuth zu betrauen. Dazu kam es bekanntlich nicht mehr.

Die Mutter Winifred Wagner, Nationalsozialistin der ersten Stunde und auch nach Kriegsende in Bayreuth hochangesehen, übernahm die volle Verantwortung für die Rolle der Familie im Dritten Reich. So kamen die Söhne Wieland und Wolfgang ziemlich ungeschoren „als Mitläufer der Kategorie 4“ und mit geringen Strafen davon. Wieland stellte sich dem familiären Entnazifizierungsverfahren, das den Neubeginn der Festspiele erheblich belastete, erst gar nicht persönlich.

In den ersten Nachkriegsjahren blieb die Zukunft der Festspiele ungewiss. Gelegentlich wurde das Gebäude als Opern-, Konzert- und Revuehaus genutzt. Franz Wilhelm Beidler schlug vor, dort eine Uraufführungs- und Konzertbühne unter kollektiver Leitung angesehener Komponisten und Dirigenten einzurichten; durchsetzen konnte er sich damit nicht. Dass der Festspielbetrieb wiederauferstand, hatte viel mit der Gründung des „Vereins der Freunde von Bayreuth“ im Jahr 1949 in Frankfurt am Main zu tun. Einflussreiche Wirtschaftsvertreter, die mehrheitlich eher „unverdächtig“ waren, zum engen Zirkel Hitlers gehört zu haben, hatten sich als großzügige Förderer zusammengefunden. Sie wurden zur wesentlichen Stütze der Festspiele.

Chefs auf dem Hügel wurden die Wagner-Brüder. „Sie haben das Dritte Reich zu einer historischen Tragödie und die Deutschen als deren Opfer stilisiert und sich darauf berufen, dass Kunst und Künstler immer unpolitisch seien“, urteilt Friedrich. Wieland wollte explizit die Politik aus dem Festspielgeschehen ausklammern. „Gerade dies aber wurde zum politischen Appell“, erklärt Friedrich. Die Idee der Stadt Bayreuth und der Landesregierung übrigens, die durch ihre Amerika-Emigration unbelastete Friedelind Wagner mit der Leitung des Hauses zu betreuen, fand keinen Widerhall. So zeigt sich Friedrich erfreut darüber, dass in Bayreuth auf seine Initiative hin die nach dem Herausgeber der „Bayreuther Blätter“ benannte „Hans-von-Wolzogen-Straße“ künftig den Namen der damals unbequemen Wagner-Enkelin tragen wird.

Am 29. Juli 1951 wurde das Festspielhaus mit Beethovens Neunter unter Wilhelm Furtwängler wiedereröffnet. Neu-Bayreuth sollte radikal mit Traditionen brechen. Die Szene wurde vom künstlerischen Leiter Wieland entrümpelt, die historisierende Aufführungspraxis wurde durch einen antikisierenden Inszenierungsstil aus Prospekten, Licht und Kostümen abgelöst. „Das hatte aber auch damit zu tun, dass der Fundus geplündert worden war. Die Not des Mangels wurde zur Tugend der Innovation“, erklärte Friedrich. Im Übrigen habe Wieland eine Ästhetik fortgeschrieben, die bereits aus den 30er Jahren stammte; auch Hitlers ästhetische Ausrichtung sei von der Ikonographie einer gemäßigten Moderne geprägt gewesen.

Die „Bühnenrevolution“ habe zunächst jedoch nur äußerlich mit der Tradition gebrochen. Mit Furtwängler, einer Galionsfigur des Dritten Reichs, aber auch mit Knappertsbusch und Karajan führten Dirigenten den Taktstock, die dem System keineswegs neutral gegenübergestanden hatten. In den Programmheften waren die Autoren aus der Zeit nach 1933 ebenso noch lange vertreten. Wie auch anders? „Autoren und Interpreten mit einem anderen Wagner-Verständnis waren entweder tot oder emigriert und standen nicht zur Verfügung“, so Friedrich.

Erst in den 60er Jahren tauchten Namen wie Adorno, Bloch oder Hans Maier in den Programmheften auf; sie sorgten dafür, dass Wagner und Bayreuth in der intellektuellen Diskussion wahrgenommen wurden. Letztlich bereitete diese Öffnung nach links den Boden für den Jahrhundertring des Patrice Chereau von 1976 (Wolfgang Wagner, neben Wieland seit 1951 für die kaufmännische Seite der Festspiele verantwortlich, holte den jungen Franzosen nach dem frühen Tod des Bruders 1966 auf den Grünen Hügel). Ausgerechnet der „Hitler-Zögling“ Wieland reüssierte plötzlich zum Vorzeige-Linksintellektuellen der Adenauer-Ära. „Der Mythos von Neu-Bayreuth entspringt jedoch eher Sehnsüchten und Projektionen als einem konkreten Neuanfang. Neu-Bayreuth war eine Fortschreibung eines parareligiösen Kunst- und Kulturverständnisses und des Geniekults, wie sie hier immer bestanden haben“, konstatierte Friedrich abschließend und erhielt für seinen brillanten Vortrag viel Applaus des Auditoriums.

Der Livestream-Mittschnitt ist auf Youtube verfügbar (1:30 h). Sie finden ihn > hier