Noten für den Frieden

Ukraine-Solidaritätskonzert des RWV Frankfurt spielt 6.060 € ein

weiße Rosen zum Dank für einen bewegenden Konzertabend – Foto: Christoph Jenisch

Das Konzert für den Frieden, veranstaltet am 30. März von den Frankfurter Richard Wagner-Freunden, hatte einen entsetzlichen Anlass: den Krieg in der Ukraine. Ein Krieg, der bereits zu viele Menschenleben gekostet, Körper und Seelen verwundet sowie Herzen gebrochen hat. In seiner Begrüßung benannte der Vorsitzende des RWV Frankfurt, Dirk Jenders, die Entmenschlichung als das, was es ist: eine Hölle auf Erden, die unverzüglich enden müsse.

Fassungslosigkeit und Entsetzen über das Kriegsgeschehen in Europa setzen auch in Frankfurt eine Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität frei. Eine Facette davon war das in jeder Hinsicht beeindruckende Ukraine-Solidaritätskonzert im ausgebuchten Clara Schumann Saal des Dr. Hoch’s Konservatoriums. Das Publikum erlebte ein Musikereignis auf höchstem Niveau.

Während des zweistündigen > Programms standen 53 Mitwirkenden aus der Ukraine, aus Georgien, Armenien, China und Deutschland auf der Bühne. Sie alle sprechen die universelle Sprache der Musik, die Sprache der Humanität, die keine Grenzen kennt.

Bariton Danylo Matviienko eröffnete das Programm mit einem eindringlichen Trauergebet von Ravel – Foto: Christoph Jenisch

Den fulminanten Auftakt gestaltete Danylo Matviienko aus dem Ensemble der Oper Frankfurt mit den Deux Mélodies Hébraïques von Maurice Ravel. Gleich das erste Lied des Abends war ein eindringliches Trauergebet (Kaddisch), in das der Sänger die ganze Inbrunst seines edel geführten Baritons legte. Überhaupt stand das Konzert im Zeichen einer von allen Interpreten äußerst sensibel zusammengestellten Nummernfolge. So wie das von Danylo Matviienko vorgetragene Lied Make tzu di Eygelekh, ein selten zu hörender Tango „über den Abgrund der Welt“ – entstanden im Ghetto von Lodz von Isaiah Shpigl und Dovid Bayglman (hier im Arrangement von Eytan Pessen). Der aus Donezk stammende Sänger, der in diesem Sommer einer von 10 Bayreuth-Stipendiaten des RWV Frankfurt ist, schloss mit dem sentimentalen ukrainischen Volkslied Meine Gedanken. Überaus einfühlsam begleitet wurde er vom Solorepetitor an der Oper Frankfurt, Lukas Rommelspacher, der 2019 zu den Bayreuth-Stipendiaten des RWV Frankfurt zählte.

Artur Podlesniy und Mane Harutyunyan an der Duduk – Foto: Christoph Jenisch

Die Oboistin Mane Harutyunyan präsentierte auf der Duduk, dem armenischen Nationalinstrument der Gattung Kurzoboe, mit dem Amen einen liturgischen Gesang des 12. Jahrhunderts aus Armenien. Die Duduk klingt im Verhältnis zu ihrer Größe überraschend tief und der Ton ist für ein Doppelrohrblattinstrument extrem weich. Mit dieser Klangcharakteristika ausgestattet, zauberte die Solistin – vom stellvertretenden Konzertmeister des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters Artur Podlesniy auf der Violine begleitet – eine melancholisch-meditative Stimmung in den Saal.

Den großen Mittelblock im Programm gestalteten der Bariton Iurii Samoilov aus dem Ensemble der Oper Frankfurt, Pianist Lukas Rommelspacher, Violinist Artur Podlesniy und die ihn wunderbar begleitende Pianistin Ekaterina Kinturashvili (Hochschule für Musik Mainz).

Emotion pur bei Bariton Iurii Samoilov – Foto: Christoph Jenisch

Iurii Samoilov aus Kiew ist seit Sommer 2014 im Frankfurter Opernensemble. Hier war er zuletzt als Graf Danilo Danilowitsch (Die lustige Witwe) und als Guglielmo (Così fan tutte) zu erleben. An der Semperoper gab der sympathische Sänger zudem kürzlich die Titelpartie in Don Giovanni. Im Mai wird er als Schaunard (La Bohème) an der New Yorker MET debutieren. Mit einem prachtvollen Bariton und beeindruckender Bühnenpräsenz ausgestattet, eröffnete er mit drei Chansons aus Maurice Ravels Don Quichotte à Dulcinée. Gleich zwei ukrainische Komponisten präsentierte er im weiteren Verlauf: drei Lieder von Reinhold Glière und das in der Ukraine sehr bekannte Lied über das Handtuch von Platon Maiboroda, das der Mutterliebe gewidmet ist. Hier konnte das Publikum erahnen, welche Emotionen der Krieg und welche dadurch verursachten Sorgen um Familie und Freunde in den Künstlern aus der Ukraine toben. Die Gefühle in den durchweg sentimentalen Liedern waren pur und übertrugen sich unmittelbar auf das (teilweise mitsummende) Publikum. Ovationen waren der Dank an den sichtlich gerührten Sänger.

Artur Podlesniy, Ekaterina Kinturashvili und Iurii Samoilov beim „Lied über das Handtuch“ – Foto: Christoph Jenisch

Artur Podlesniy präsentierte zwischen diesen Liedblöcken virtuos das anspruchsvolle, viertelstündige Poéme op. 25 des französischen Komponisten Ernest Chausson sowie die Elegy des Ukrainers Miroslav Skorik. In beiden Werken brillierte der in Kharkiv geborene Violinist, der neben seiner Orchestertätigkeit in der Oper Frankfurt mit dem Hába Quartett konzertiert.

Mit 45 Sängerinnen und Sängern gestaltete der International Choir Frankfurt den Abschluss des Benefizkonzertes. Unter der Leitung von Tobias Landsiedel und begleitet von Pianist Xi Zhai (Lehrbeauftragter an Dr. Hoch’s Konservatorium und der HfMDK Frankfurt) kamen Do you hear the people sing aus Les Misérables (Schönberg / Boublil), das Agnus Dei aus The armed man – A mass for peace (Jenkins) und der Gefangenenchor aus Nabucco (Verdi) zu Gehör. Mit dem Choral Lobet den Herrn des Ukrainers Mychajlo Werbytskyj endete ein außerordentliches Solidaritätskonzert für die Ukraine, das allen Anwesenden im Saal und auf der Bühne in nachhaltiger Erinnerung bleiben wird.

Der International Choir Frankfurt unter der Leitung von Tobias Landsiedel – Foto: Christoph Jenisch

Das Publikum bedankte sich nicht nur mit langanhaltendem Applaus, sondern auch mit vielen Banknoten in den zu Spendenboxen umfunktionierten Geigenkästen. Der stolze Betrag von 6.060 € wird der > Medico International, Frankfurt zur Verfügung gestellt. Die medico-Partner der polnischen Grupa Granica sind an der ukrainischen Grenze aktiv. Sie bauen ihre Hilfsnetzwerke auch in der Ukraine aus und leisten praktische Hilfe, primär im Gesundheitswesen.