Zu Beethoven nach Wien

Reise des RWV Frankfurt vom 27. April bis 2. Mai 2022 nach Wien

Es sollte der erhoffte Höhepunkt einer klugen Reiseregie werden: die Tristan-Neuinszenierung in der Wiener Staatsoper. Der Opernbesuch am 1. Mai-Feiertag beschloss die ursprünglich schon für 2021 geplante Musikreise des RWV Frankfurt in die österreichische Hauptstadt. Doch ein Gesamtkunstwerk aus Szene und Musik blieb der Abend schuldig, auch die Deutung von Calixto Bieito – von manchem Reiseteilnehmer gefürchtet – taugte zu keinem wirklichen Regie-Skandal. Dazu später mehr.

Klangpracht mit den Wiener Symphonikern im Goldenen Saal des Musikvereins – Foto: RWV Frankfurt

Wien hatte natürlich noch manchen musikalischen Leckerbissen zu bieten: Ein Konzert der Wiener Symphoniker im Musikverein, ein von jungen Talenten des RWV Wien für die angereisten Wagner-Freunde aus Frankfurt und Leipzig bestrittenes Privatkonzert im Hotel Imperial und als Zusatzangebote wahlweise Lucia di Lammermoor in der Staatsoper bzw. Gräfin Mariza in der Volksoper. Der Aufenthalt in der Donaumetropole war zudem mit Kunst- und Kulturgeschichte reich gefüllt: Besuche im Gartenpalais Liechtenstein, im Schloss Belvedere, im Beethoven-Museum Heiligenstadt und ein Ausflug zu den zahlreichen Ehrengräbern des Zentralfriedhofs. Von unserem Hotel Savoyen, unweit des Belvedere-Gartens gelegen, waren viele Ziele sogar fußläufig erreichbar.

Pracht, Prunk und Protz

Der Wiener Hauptbahnhof hatte die 28 Reisenden aus Frankfurt mit allen Attributen unserer Zeit empfangen: Funktionale Hallen, rundum Hochhäuser aus Stahl und Glas, praktisch und architektonisch modern. Keine zwei Stunden später begleitete uns Fremdenführerin Katharina durch eine andere Welt: den 1. Bezirk, die alte Hauptstadt mit Hofburg und Stephansdom, prächtigen alten Palais’ und reichen Bürgerhäusern. Gesäumt wird er von den seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem niedergelegten Festungsring erbauten prunkvollen Gebäuden der Ringstraße. Wer Geld hatte im Habsburgerreich, zeigte das gerne und siedelte sich in der Nähe der Mächtigen an. Es gibt nur wenige Hauptstädte, die ein so gut erhaltenes Ensemble des 19. Jahrhunderts vorweisen können. Und in kaum einer können die Fremdenführer an jeder zweiten Ecke darauf verweisen, dass dort Musikgrößen wie Mozart, Mahler, Beethoven, Schönberg, Bruckner und viele andere einst zuhause waren.

Barocke Pracht im Gartenpalais Liechtenstein – Foto: RWV Frankfurt

Auch das Innenleben vieler Gebäude zeigt unerhörte Schätze. Zum Beispiel das Gartenpalais der Familie Liechtenstein, das sich exklusiv für uns öffnete. Die privaten Fürstlichen Kunstsammlungen gehören zu den größten und wertvollsten der Welt. Im barocken Repräsentationsbau, nahezu ausschließlich von italienischen Baumeistern und Handwerkern errichtet, ist seit 20 Jahren wieder ein kleiner, aber feiner Ausschnitt daraus zu besichtigen. Rubens, Rembrandt und van Dijk sind ebenso vertreten wie Raffael und prominente österreichische Maler des Realismus. Kostbare Neuerwerbungen kommen dazu, wie das im Jahr 2007 für 27 Millionen Euro erstandene Badminton-Kabinett, ein reich mit Intarsien geschmückter Florentiner Sekretär. Bemerkenswert ist die umfangreiche alte Bibliothek der Liechtensteiner, offen für die Forschung, aber gesichert wie ein Tresor. Vom wunderschönen Barockgarten des Palais sind es nur wenige Schritte zur Jugendstilanlage der Strudelhofstiege.

Fürstlicher Prunk erwartete uns auch im Barockschloss Belvedere mit seinem herrlichen Park, erbaut für den legendären Prinzen Eugen von Savoyen. Im Marmorsaal des Oberen Belvedere wurde 1955 der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet. Die berühmte Kunstsammlung enthält erlesene Werke vom Mittelalter bis zur Neuzeit und die weltweit größte Klimt-Sammlung mit dem Publikumsliebling Der Kuss. Im Raum nebenan eine berührende Statue Ludwig van Beethovens von Max Klinger. Im Gärtnerhäuschen des Belvedere verbrachte übrigens Anton Bruckner seine letzten Lebensjahre.

Ludwig van Beethoven aus der Sicht von Max Klinger im Oberen Belvedere – Foto: RWV Frankfurt

Der nachfolgende Abend mit den Wiener Symphonikern im Goldenen Saal des Musikvereins machte wohltuend deutlich, dass russische Musik und aktuelle russische Kriegspolitik nicht miteinander verquickt werden müssen. Unter der Leitung von Lahav Shani interpretierte die Pianistin Anna Vinnitskaya die Paganini-Rhapsodie von Sergej Rachmaninow und nach der Pause dessen 2. Symphonie. Jeder genoss die sagenhafte Akustik des historischen Saals, in der man sich rundum in Klang eingehüllt fühlte.

Friedhof der Superlative

Die interessanteste Grünanlage Wiens ist sicherlich der Zentralfriedhof, etwa so groß wie das alte Wien innerhalb des Rings. Angelegt wurde er Mitte des 19. Jahrhunderts in Simmering auf kaiserliche Anordnung hin, Friedhöfe in die Vorstädte zu verlegen. Das war für die meisten Wiener damals viel zu weit vor der Stadt. Weil eine Attraktion her musste, um sie für eine Grablege dort zu gewinnen, entstand die Idee des Ehrenhains für Künstler, Politiker, Wissenschaftler und natürlich für die vielen Musiker, die die Stadt angezogen hatte. Franz Schubert und Ludwig van Beethoven wurden aus ihren ursprünglichen Grabstätten eigens dorthin umgebettet; Mozart, unauffindbar in seinem Armengrab auf dem St. Marxer Friedhof, erhielt ein Denkmal. Quer durch die Musikgeschichte ist heute alles vertreten, was Rang und Namen hatte. Johannes Brahms, Franz von Suppé, die komplette Strauß-Familie und weitere Walzer-Könige, Willibald Gluck, Arnold Schönberg und György Ligeti sind dort ebenso anzutreffen wie Falco und Udo Jürgens. Insgesamt rund 1.000 Ehrengräber kann man aufsuchen – und sie sind wiederum nur ein kleiner Teil der rund 300.000 Grabstellen.

Beethoven – Brahms – Schubert – Schönberg auf dem Wiener Zentralfriedhof – Foto: RWV Frankfurt

Ausflug nach Heiligenstadt

Ludwig van Beethoven soll in seinen Wiener Jahren in mehr als 60 verschiedenen Wohnungen gelebt haben. Eine davon, das Haus in der heutigen Probusgasse 6 im 19. Bezirk Döbling, ist seit 2020 als Beethoven-Museum eingerichtet. In dem ehemaligen Bäckerhaus verbrachte der 32-jährige Komponist den Sommer des Jahres 1802. Von den mineralhaltigen Quellen Heiligenstadts versprach er sich Linderung seiner gesundheitlichen Probleme und seiner zunehmenden Schwerhörigkeit. Die sechs kleinen, detailreich gestalteten Museumsräume stehen unter dem Motto: Ankommen (aus Bonn) – Erholen – Komponieren – Verdienen – Aufführen – Vermachen. Seine Hörrohre sind ausgestellt und ein Flügel, an dem ein Souffleurkasten die Töne fokussieren soll. Der Zylinder hängt an der Garderobe, als wolle der Meister gleich zu seinem Lieblings-Heurigen am Pfarrplatz flanieren und ein Glas Kirschen steht genussbereit auf einem kleinen Tisch (kurz vor seinem Tod verlangte sein Wunsch nach dem süßen Kernobst).

Beethoven-Haus in Heiligenstadt – Foto: RWV Frankfurt

In Heiligenstadt arbeitete Beethoven an einigen seiner wichtigsten Werke, darunter erste Skizzen zur 3. Symphonie. Berühmtheit erlangte der Ort aber durch das nach ihm benannte Testament, dem Brief Beethovens an seine Brüder, in dem er seine Verzweiflung über die fortschreitende Ertaubung niederschrieb. Beethoven schätzte nicht nur die dortigen Heilwässer, sondern bekanntlich auch den Wein; von seiner Wohnung waren es zum Wirtshaus am Pfarrplatz nur wenige Schritte. Das Wirtshaus gibt es heute noch, auch wir haben dort getafelt. Bei schönstem Frühlingswetter wurde uns im lauschigen Innenhof unterm – noch nicht ergrünten – Rebendach eine opulente Jause serviert und der Grüne Veltliner fand ebenfalls regen Zuspruch.

Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit

Noch mehr Beethoven und etwas Wagner gab es beim Besuch in der Wiener Secession, dem Ausstellungshaus, das die gleichnamige Künstlergruppe 1898 eröffnet hatte. Errichtet von Joseph Maria Olbrich, ist es eines der bedeutendsten Zeugnisse des Wiener Jugendstils. Die Secession, angeführt von Gustav Klimt, setzte sich vom konservativen „Künstlerhaus“ ab und wollte Forum sein für die damalige „junge Kunst“.

Auszug aus dem Beethoven-Fries von Gustav Klimt in der Wiener Secession – Foto: RWV Frankfurt

Das Kunstwerk dort, das die Zeitläufe bis heute überdauerte, ist Klimts Beethovenfries. 1902 hatte die Secession ihre XIV. Ausstellung als Hommage an Ludwig van Beethoven konzipiert. Erklärtes Ziel war es, die einzelnen Künste – Architektur, Malerei, Skulptur und Musik – unter einem gemeinsamen Thema zusammenzuführen: aus dem Zusammenspiel von Raumgestaltung, Wandmalereien und Skulptur sollte sich – im Sinne Richard Wagners – ein Gesamtkunstwerk ergeben. Klimt hatte dazu einen monumentalen Wandzyklus entworfen, orientiert an Richard Wagners Auslegung von Beethovens 9. Symphonie: als Suche nach dem Glück oder, im Wagnerschen Gedankenkosmos, nach Erlösung. Man kann heute Beethovens Musik beim Betrachten über Kopfhörer empfangen und taucht dabei in ganz eigener Weise in die Erzählung ein. Vom Bild-Zyklus ging früher der Blick auf eine Monumentalskulptur Beethovens von Max Klinger; sie steht heute in Leipzig. Der Fries, ursprünglich nur als Dekorationsmalerei gedacht und nach der Ausstellung abgebaut, hat nach einer unglaublichen Odyssee den Weg zurück in die Secession gefunden. Er ist heute der Publikumsmagnet und verschafft damit den jungen Künstlern zusätzliche Aufmerksamkeit, die ganz im Sinne der ursprünglichen Idee in den übrigen Räumen ausstellen.

Alles Liebe!

Mit Beethoven war danach auf unserer Reise noch lange nicht Schluss. Liane Bermann, die Vorsitzende des RWV Wien, hatte im prachtvollen Festsaal des historischen Grandhotel Imperial ein Privatkonzert für die zeitgleich in Wien anwesenden Wagner-Verbände aus Frankfurt und Leipzig organisiert, an dem sie selbst aber leider nicht teilnehmen konnte. Im Hotel Imperial wohnte Richard Wagner nebst Familie im Jahr 1875 für fast zwei Monate als an der Hofoper dessen Lohengrin und Tannhäuser einstudiert wurden. Heute noch erinnert das Haus mit einer Gedenktafel neben dem Haupteingang an den berühmten Gast.

In seiner gemeinsam mit dem Leipziger Vorstandsmitglied Benedikt Zimmermann gehaltenen Begrüßung erinnerte der „Frankfurter“ Dirk Jenders an das von Wagner vor 150 Jahren, am 12. Mai 1872, dirigierte Benefizkonzert im benachbarten Großen Saal des Musikvereins. Neben Beethovens Eroica erklangen seine eigenen Werke, darunter Auszüge aus dem Ring des Nibelungen. Nicht nur das Publikum damals raste vor Begeisterung. Zum Ende des Konzertes ging ein heftiges Gewitter über dem Musikverein nieder, dessen Blitz und Donner Richard Wagner als gutes Zeichen für seine beworbene Bayreuther Festspielidee ansah.

Das gut einstündige Konzertprogramm stellte der Pianist des Abends unter das Motto: Drei geniale Komponisten und zwei Arten, die Liebe zu erleben. Die Komponisten waren Beethoven – Wagner – Offenbach.

Daniel Strahilevitz, Calon Danner, Magdalena Renwart-Kahry, Seho Chang im Festsaal des Hotel Imperial – Foto: RWV Frankfurt

Daniel Strahilevitz, Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung an der Oper Hagen und bald am Landestheater Oldenburg tätig, spielte den 3. Satz der Beethoven-Klaviersonate op. 110 und fungierte traumwandlerisch als Liedbegleiter. Der Tenor Calon Danner interpretierte Adelaide und In questa tomba oscura, Sopranistin Magdalena Renwart-Kahry hatte sich für die Arie der Fidelio-Leonore sowie Neue Liebe, neues Leben entschieden, der koreanische Sänger Seho Chang richtete sich An die ferne Geliebte – alles Werke also aus der Feder Ludwig van Beethovens. Drei Stücke von Jacques Offenbach ergänzten das Konzert, darunter die Arie Dort wo hundertjährige Eichen aus dessen selten gespielter romantischen Oper Die Rheinnixen. Ausgerechnet Offenbachs Rheinnixen ersetzten im 1864er-Spielplan der Wiener Hofoper den nach 77 Proben abgesetzten und als unaufführbar geltenden Tristan (siehe Band 3 unserer Buchreihe Frankfurter Wagner-Kontexte). Als Hommage an Richard Wagner war Wolframs Lied An den Abendstern zu erleben. Den warmen, ausdrucksstarken Bariton von Seho Chang belohnten die Zuhörer mit viel Beifall. Beim anschließenden exquisiten Dinner, an dem auch die jungen Künstler eingeladen waren, gab es nach über zwei Jahren endlich wieder Raum für intensive Gespräche an den mit Frankfurter und Leipziger Mitgliedern gemischten Tischen.

Der verflixte Calixto

Calixto Bieitos Inszenierungen fordern heraus – manch einer empfindet seine Sichtweisen als Zumutungen. Das war im Wiener Tristan grundsätzlich nicht anders, jedoch mischte sich in die „verkopfte“ Deutung zu viel Langeweile. Die Symbolik der riesigen Wasserfläche auf der gesamten Opernbühne inkl. darüber schaukelnden Kindern im 1. Akt kann man noch nachvollziehen (es spielt ja an Bord eines Schiffes). Schade nur, dass man die Effekte der Wasserfluten von den teuren Parkettplätzen aus nicht sehen konnte. Und den aus der Hose dauertropfenden Tristan (Andreas Schager) bemitleidete man ob seiner ungewollten „Inkontinenz“ eher. Im zweiten Aufzug schweben Tristan und Isolde in getrennten Käfigen über der Bühne, die sehnsuchtsvoll ausgestreckten Hände können sich nicht berühren (eine packende Idee) und jeder zertrümmert minutenlang und lautstark das Mobiliar seiner Behausung (ver-störender Aktionismus). Auch das viele Blut von zuvor ausgenommenen Fischen, das Tristan an seinem ganzen Körper lange vor Melots Angriff verschmieren muss, ist schwer zu ertragen, da banal „choreografiert“. Aber: Andreas Schager und Martina Serafin (Isolde) hat die Regie gefallen, wie sie in der Einführungsmatinee übereinstimmend erklärten. Ob das Publikum diesen Tristan in den Olymp der Rezeptionsgeschichte der Wiener Staatsoper wählen würde? An der Hotelbar – nur wenige Minuten nach dem Schlussvorhang – war die Aufführung jedenfalls kein großes Thema mehr, was sehr vielsagend ist.

Nach sechs an Eindrücken reichen Tagen – bei frühlingshaftem Kaiserwetter – kehrten die Teilnehmer voll des Lobes und glücklich an den Main zurück, nach vielen Absagen wieder gemeinsam reisen zu können.