Von Bayreuther Patronatsscheinen bis Kartenfrust

Einblicke in das Vereinsarchiv des RWV Frankfurt von 1957 bis 2007

Am 22. Januar hielt unser Vorsitzender Dirk Jenders im Dr. Hochs Konservatorium vor 40 Mitgliedern einen unterhaltsamen Vortrag über die Historie des Richard-Wagner-Verbands Frankfurt am Main. Die von ihm beleuchteten 50 Jahre reichten von der Wiedergründung im Jahr 1957 bis 2007. Sein Rückblick begeisterte durch fundierte historische Einblicke, lebendige Anekdoten und zahlreiche Zeugnisse, die unsere damaligen Verbindungen zur Wagner-Familie belegen. Der Abend war ein voller Erfolg und unterstrich die Vitalität des Vereinslebens im Hier & Jetzt.

Dirk Jenders gibt Einblicke in die Vereinsgeschichte von 1957 bis 2007 – Foto: Christoph Jenisch

Die Zeitreise begann mit einem Exkurs zu den Ursprüngen: 1871 gründete Emil Heckel in Mannheim den ersten Richard Wagner Verein. Dessen Ziel war es, möglichst viele Patronatsscheine zur Finanzierung des Bayreuther Rings von 1876 unters Volk zu bringen. Heckels Mannheimer Initiative breitete sich rasch aus und Wagner-Vereine schossen landesweit wie Pilze aus dem Boden. In Frankfurt gründete Dr. Otto Eiser 1877 einen Wagner-Verein dieser Prägung. Somit könnte man hier 2027 ein 150-jähriges Jubiläum feiern, was jedoch mit Blick auf den ursprünglichen Zweck der historischen Vereine nicht angebracht wäre. Letztlich scheiterte man damals an den selbst gesteckten, hohen finanziellen Erwartungen aller Beteiligten und die Vereine lösten sich nach und nach wieder auf.

1909 eröffnete die junge Lehrerin Anna Held in Leipzig mit dem „Richard Wagner Verband deutscher Frauen“ dann das Kapitel, auf das sich die Wagner-Vereinigungen von heute berufen können. Anna Held bezog sich nämlich auf Wagners 1882 formulierte Idee einer Stipendienstiftung, die Menschen mit wenig Einkommen den Besuch der Bayreuther Festspiele ermöglichen sollte. Heute, 144 Jahre später, fördern die weltweiten Wagner-Verbände den Musiktheater-Nachwuchs im Alter von 18 bis 35 Jahren über die Richard-Wagner-Stipendienstiftung mit den begehrten Bayreuth-Stipendien. Hier in Frankfurt gründete sich der „Richard Wagner Verband deutscher Frauen“ 1910 erstmals und hatte sofort 80 zahlende Mitglieder – eine Größe, über die wir bis 2007 nicht hinauskommen sollten (Stand heute: 234).

Nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs wagte der kunstsinnige Hermann Meuskens 1957 den Neustart und belebte den Frankfurter Richard Wagner Verband (fortan ohne Zusatz „deutscher Frauen“) wieder. Er pflegte intensive Kontakte nach Bayreuth und zum Dachverband der deutschen Wagner Verbände, der damals in Hannover ansässig war. Unter seiner Leitung wurden 1959 die ersten sieben Frankfurter Stipendiaten nach Bayreuth entsendet. Dank der Ära des Gesangsprofessors Martin Gründler an der hiesigen Musikhochschule zählten Sänger wie die Altistin Ortrun Wenkel und die Tenöre Robert Schunk, Christoph Prégardien und Wolfgang Schmidt zu unseren Bayreuth-Stipendiaten. Allein bis 2007 konnten wir über 300 junge Talente auf diese Weise unterstützen. Aktuell loben wir jedes Jahr mindestens zehn Bayreuth-Stipendien aus, so dass bis heute rund 430 Förderungen zusammengekommen sind.

Hermann Meuskens engagierte sich leidenschaftlich: Seine Kritik an der Bayreuther Kartenverteilung und an Inszenierungen auf dem Grünen Hügel konnte bei ihm auch schon einmal mit einer deftigen Wortwahl ausfallen („Das Kartenbüro operiert mit faulen Hinweisen, die jungen Damen haben offensichtlich kein Fingerspitzengefühl für den Verkehr mit gebildeten Leuten. Wir leben nicht im Wilden Westen.“). Besonders in Ungnade fielen bei ihm Wieland Wagners erste Meistersinger-Inszenierung von 1957 und Götz Friedrichs Tannhäuser-Deutung von 1972 („Wie kann man den Kommunismus in Bayreuth Einzug gewähren?“); auch der Chéreau-Ring von 1976 provozierte (nicht nur) bei ihm scharfe Ablehnung, wie uns das Vereinsarchiv verrät. Bei der Programmgestaltung für die Mitglieder war er dagegen deutlich zurückhaltender. Für 1974 und 1975 vermerkt er im Tätigkeitsbericht: „Veranstaltungen: keine“.

Sein 45-jähriger Nachfolger Frank Sauerlaender übernahm 1976. Er gab unserem Ortsverband eine organisatorische Struktur und zeitgemäße Satzung; auch sorgte er für den Eintrag ins Vereinsregister. In seiner weiteren Funktion als Mitglied der Internationalen Kommission konnte er die Gründung des „Richard Wagner Verband International“ als gemeinsame Dachorganisation aller weltweiten Ortsverbände zu seinen persönlichen Erfolgen verbuchen. Enge Kontakte zur Familie Wagner prägten seinen Vorsitz: zahlreiche Briefwechsel mit Winifred Wagner, Gudrun und Wolfgang Wagner sowie Verena Lafferentz-Wagner belegen den freundschaftlichen Charakter dieser Verbindungen.

Wilhelm Staudinger wurde 1999 zum Vorsitzenden gewählt; dieses Amt hatte er bis Mai 2008 inne. Zu seinen Verdiensten zählt die erfolgreiche Gründung des Wagner-Verbands Bangkok in seiner Wahlheimat Thailand. Während seiner Abwesenheiten trug seine Stellvertreterin Rose Wießler derweil hier in Frankfurt zur Programmgestaltung für die Mitglieder und damit zur Kontinuität im Verein bei.

Veranstaltungshöhepunkte der letzten Jahrzehnte waren: 1978 die eigen-kuratierte Ausstellung „Richard Wagner im Wandel der Zeit“ in der Deutschen Bibliothek, 1983 die 25-Jahr-Feier nach Wiedergründung mit Vorträgen namhafter Wagner-Experten (Hans Mayer, Dieter Borchmeyer), 1992 die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft im Frankfurter Vorstand an die Wagner-Enkelin Verena Lafferentz-Wagner, 1996 die Ausrichtung des Internationalen Richard Wagner-Kongress‘ mit rund 350 Gästen aus aller Welt unter dem Motto „Wagner heiter“ oder im Jahr 2000 ein Konzert zu Ehren des 80. Geburtstages von Verena Lafferentz-Wagner mit Werken ihres 1930 verstorbenen Vaters Siegfried Wagner.

Herzlicher Applaus belohnte den Referenten für eine inspirierende und kurzweilige Zeitreise durch 50 Jahre Frankfurter Vereinsgeschichte.