So hallte es nach

Konzert der Bayreuth-Stipendiaten 2026 mit Werken vom Barock bis heute

Text: Dirk Jenders

Am 23. Juni 2026 stellten sich die diesjährigen Bayreuth-Stipendiaten des RWV Frankfurt musikalisch vor. Das Programm des 90-minütigen Konzerts reichte vom Barock bis in die unmittelbare Gegenwart und spiegelte damit die individuelle Vielseitigkeit der jungen Talente wieder. Trotz tropischer Temperaturen im sommerlichen Frankfurter Glutkessel war der Saal in Dr. Hoch’s Konservatorium voll besetzt und das lag eindeutig nicht an der erfrischenden Klimaanlage. Das Stammpublikum der Stipendiatenkonzerte im RWV Frankfurt schätzt den Facettenreichtum sowie das künstlerische Niveau der alljährlich geförderten Nachwuchskünstler.

Collage von Christoph Jenisch

Insgesamt bot der Abend ein breites Spektrum: von Händel über die Romantik Schumanns, Smetanas und Wagners bis hin zur französischen Opernliteratur Massenets und Saint-Saëns‘ sowie Flöten- und Vibraphonliteratur des 20. und 21. Jahrhunderts von Séjourné, Karg-Elert und Clarke ergänzt durch Eigenkompositionen, die den Bogen ins Heute spannen.

Eröffnet wurde das Programm mit dem 1. Satz aus dem Concerto pour vibraphone et orchestre à cordes von Emmanuel Séjourné, gespielt von Rafael Diesch (Vibraphon, Paul-Hindemith-Orchesterakademie) und Artūrs Oskars Mitrevics (Klavier, HfMDK). Das 1999 als Auftragskomposition des Vibraphone International Competition entstandene Werk ist zugleich rhythmisch und romantisch, schöpft jedoch ebenso sehr aus der Klassischen Musik wie aus der populären Kultur von Rock, Jazz und außereuropäischen Musikformen ein großartiger Auftakt an einem außergewöhnlichen Instrument.

Es folgten zwei Arien aus dem Opernfach, interpretiert von Teresa Damiani (Mezzosopran) und begleitet von Leon Christian Schneider (Klavier, beide Dr. Hoch’s). Zunächst erklang „Arabiens einsam Kind“, die Ariette der Fatima aus Carl Maria von Webers letzter Oper Oberon (1826). In ihr beschreibt sich Fatima als ein einsames Mädchen der Wüste, das seine Heimat Arabien hinter sich lassen musste. Es folgte „Va! Laisse couler mes larmes!“, die Arie der Charlotte aus Jules Massenets Oper Werther (1892). Darin liest Charlotte Werthers Briefe und lässt ihre Tränen fließen.

Mit dem nächsten Programmblock trat die Oboe in zwei sehr unterschiedlichen Rollen in Erscheinung. Zunächst sang Ella Gehrmann (Sopran, HfMDK) die Arie „Wisch ab der Tränen scharfe Lauge“ aus Georg Friedrich Händels Passion nach Barthold Heinrich Brockes von 1716, in der die von Demir Alpdündar (HfMDK) gespielte Oboe die Singstimme begleitet. Der jederzeit souveräne und einfühlsame Pianist Artūrs Oskars Mitrevics vervollständigte das Händel-Trio. Danach wechselte die Oboe in die kammermusikalische Rolle: Die Romanze für Oboe und Klavier Nr. 1 von Robert Schumann wurde von Demir Alpdündar virtuos präsentiert begleitet von Xi Zhai am Klavier. Schumanns Drei Romanzen op. 94 entstanden im Dezember 1849 in Dresden und sind seine einzige Komposition für die Oboe; sie waren als Weihnachtsgeschenk für seine Frau Clara gedacht.

Ella Gehrmann (Sopran) und Artūrs Oskars Mitrevics (Klavier) brachten anschließend die Arie „Endlich allein“ der Marie aus Bedřich Smetanas komischer Oper Die verkaufte Braut (1866) zu Gehör. Mit dieser Arie demonstrierte die junge Sopranistin ihre stimmliche Vielseitigkeit und nahm mit ihrer Bühnenpräsenz für sich ein.    

Die unter ihrem Künstlernamen Anna Blume auftretende Flötistin Anna Maria Lindner (Dr. Hoch’s) beeindruckte mit zwei völlig unterschiedlichen Werken für Querflöte. Zunächst pianistisch begleitet von der ehemaligen Bayreuth-Stipendiatin Tabea Blum erklang zunächst der 5. Satz „Évocation à Brahma“ aus den Impressions exotiques op. 134 von Sigfrid Karg-Elert. Die 1920 erstmals erschienene Komposition spielt mit exotisch-orientalischen Klangbildern. Es folgte „Zoom Tube“ für Soloflöte des britischen Flötisten und Komponisten Ian Clarke. Das Solo-Stück lebt von erweiterten Spieltechniken wie Multiphonics (gleichzeitige Erzeugung mehrerer Töne) und Jet Whistle (schneller, hochdruckartiger Luftstrom, der durch die Flöte geblasen wird und ein Pfeifen erzeugt). Anna Blume riss das Publikum mit diesem temperamentvollen Spiel zu Begeisterungsstürmen hin.

Celine Immel (Sopran, Dr. Hoch’s) ließ mit ihrer Gastpianistin Nami Ejiri zwei Opernarien folgen. „Mon cœur s’ouvre à ta voix“ ist die Arie der Dalila aus Camille Saint-Saëns‘ Samson et Dalila. Im zweiten Akt der Oper umgarnt Dalila darin Samson, um sein Geheimnis zu erfahren. Sich danach vor einem Richard Wagner-erfahrenen Publikum mit der Sieglinde-Arie „Du bist der Lenz“ aus Die Walküre zu präsentieren, ist mutig und dieser Mut sollte sich auszahlen. In der nur gut zwei Minuten langen, aber höchst anspruchsvollen Arie ließ Celines Stimme den besungenen Frühling mühelos erblühen, der hier symbolisch für den in Liebe entbrannten Zwillingsbruder Siegmund steht. Die Ovationen des begeisterten Saals nahm die junge Sopranistin gerührt und beglückt entgegen.

Unsere Bayreuth-Stipendiaten 2026 (v.l.n.r.): Leon Christian Schneider, Teresa Damiani, Artūrs Oskars Mitrevics, Ella Gehrmann, Demir Alpdündar, Celine Immel, Anna Maria Lindner / auf dem Bild fehlen: Rafael Diesch, Cecilia Garcia und Julia Stuart – Foto: Christoph Jenisch

Dazu passend überreichten die Vorstandsmitglieder Johannes Baron und Dirk Jenders anschließend die begehrten Urkunden für das diesjährige Bayreuth-Stipendium. Vom 22. bis 27. August wurden die zehn Stipendiaten des RWV Frankfurt dazu eingeladen, die Wagner-Opern Rienzi, Der fliegende Holländer und Parsifal auf Bayreuths Grünem Hügel zu erleben. Ihre Bayreuth-Erfahrungen werden sie im kommenden Jour Fixe am Montag, 14. September, um 19 Uhr mit den Frankfurter Mitgliedern teilen.

Den musikalischen Abschluss bildeten zwei Werke für Klavier von Leon Christian Schneider (Dr. Hoch’s). Der 21-jährige Komponist präsentierte seine Klavierskizzen (2020/21) sowie „So hallte es nach“ aus Zwei Klavierstücke (2023) und beeindruckte mit dem Grad emotionaler Tiefe in seiner Musik.  

Der Abend hallte bei der anschließenden After-Show-Party mit den jungen Künstlern noch lange nach.