Bayreuth verbindet und verändert

Zwischen Erstbegeisterung und künstlerischer Inspiration: Unsere Bayreuth-Stipendiaten berichten

Text: André Weißbach

Die Vergabe von Bayreuth-Stipendien an junge Kulturschaffende gehört seit jeher zum Kerngeschäft des Richard-Wagner-Verbandes Frankfurt am Main. Ebenso fest zum Jahresprogramm gehört der Bericht unserer Stipendiatinnen und Stipendiaten von ihrem Besuch der Bayreuther Festspiele. Die traditionelle September-Veranstaltung ist längst eine Institution und für viele Mitglieder ein Höhepunkt des Vereinsjahres.

Unsere Bayreuth-Stipendiaten 2026 vor dem Festspielhaus (v.l.n.r.): Anna Maria Lindner, Teresa Damiani, Celine Immel, Leon Christian Schneider, Julia Stuart, Rafael Diesch, Ella Gehrmann, Artūrs Oskars Mitrevics, Cecilia Garcia, Demir Alpdündar – Foto: Christian Stürzl-Moitz

Hier treffen schließlich zwei Perspektiven aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten und gerade deshalb so spannend sind: Auf der einen Seite junge Künstlerinnen und Künstler, die häufig zum allerersten Mal die Bayreuther Festspiele und oftmals sogar die Werke Richard Wagners überhaupt erleben. Auf der anderen Seite ein Publikum mit geballter Wagner- und Bayreuth-Kompetenz, in dem viele Mitglieder seit Jahrzehnten engagiert sind und zahllose Aufführungen erlebt haben. Und doch freuen sich gerade die erfahrenen Wagnerianer immer wieder auf das unverblümte, offene Feedback einer neuen Generation. Denn, um mit Hans Sachs zu sprechen:

„Doch einmal im Jahre fänd‘ ich’s weise,
dass man die Regeln selbst probier‘,
ob in der Gewohnheit trägem Gleise
ihr‘ Kraft und Leben nicht sich verlier‘:
und ob Ihr der Natur noch seid auf rechter Spur,
das sagt Euch nur,
wer nichts weiss von der Tabulatur.“

In den vergangenen Jahren haben unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten ganz unterschiedliche Formen gewählt, um ihre Eindrücke zu vermitteln. Entsprechend groß war die Spannung, mit welcher Herangehensweise die diesjährige Gruppe ihre Bayreuth-Erlebnisse präsentieren würde.

Von den insgesamt zehn Stipendiatinnen und Stipendiaten konnten nur sechs am Herbst-Jour-Fixe teilnehmen. Vier von ihnen waren durch auswärtige Verpflichtungen, Vorsingen oder Engagements verhindert, was aber zeigt, dass die künstlerischen Karrieren der jungen Musikerinnen und Musiker bereits spürbar Fahrt aufnehmen.

Den Auftakt des Abends gestaltete Cecilia Garcia. Sie hielt das Versprechen ein, ihre beim Stipendiatenkonzert im Juni ausgefallenen Beiträge nachzuholen. Mit viel Temperament und großer Ausdruckskraft brachte sie zwei der Siete canciones populares españolas von Manuel de Falla zu Gehör und vermittelte dabei – auch mit temperamentvollen Flamenco-Einlagen – ein Stück musikalischer Heimat aus Spanien.

Cecilia Garcia eröffnet den Abend mit spanischem Temperament – Foto: Christoph Jenisch

Anschließend folgte ein ebenso abwechslungsreicher wie origineller Rückblick auf die Bayreuth-Reise. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten hatten ihre Eindrücke in verschiedenen Formaten verarbeitet: als Video, als musikalisch-literarischen Vortrag und als Audio-Collage.

Das eigens produzierte Video erwies sich als kurzweiliger und humorvoller Streifzug durch die gemeinsame Zeit in Bayreuth. Natürlich standen die Besuche im Festspielhaus im Mittelpunkt. Darüber hinaus wurden aber auch zahlreiche weitere Stationen eingefangen: Spaziergänge durch die Stadt, der Besuch der Villa Wahnfried, der traditionelle Fränkische Abend in der Jugendherberge sowie die inzwischen legendäre „Blaue Stunde“ auf dem Grünen Hügel. Mit viel Witz und persönlichem Charme gelang es den jungen Kulturschaffenden, die besondere Atmosphäre ihrer Bayreuth-Woche lebendig werden zu lassen.

Im Anschluss widmete sich Rafael Diesch den einzelnen Aufführungen des Festspielsommers. Eingeleitet wurden seine Ausführungen von markanten Motiven, die Artūrs Oskars Mitrevics am Klavier anstimmte und die jeweils auf das betreffende Werk einstimmten.

Besonders interessant war dabei, wie häufig sich die Eindrücke der jungen Besucherinnen und Besucher mit den Wahrnehmungen vieler Vereinsmitglieder deckten. Eindrucksvoll beschrieben wurde etwa die erste Begegnung mit der einzigartigen Akustik des Festspielhauses. Gerade die hervorragende Verständlichkeit des Gesangs hinterließ nachhaltigen Eindruck.

Vortrag im Duo: Artūrs Oskars Mitrevics (links) und Rafael Diesch (rechts) – Foto: André Weißbach

Mit Begeisterung wurde auch die musikalische Umsetzung des Fliegenden Holländers aufgenommen. Ein Teilnehmer brachte die Wirkung mit den Worten auf den Punkt: „Starkstrom von der ersten Minute.“ Zugleich wurde deutlich, dass die technisch ambitionierte Inszenierung des Werkes zwar Bewunderung hervorrief, aber durchaus kontrovers diskutiert wurde.

Ein weiteres Highlight war die seltene Gelegenheit, Richard Wagners Rienzi im Festspielhaus erleben zu dürfen. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten würdigten die Aufführung als außergewöhnliches Ereignis und beschrieben die Produktion als großes, besonderes und zugleich überraschend humorvolles Politdrama.

Als besonders prägend erwies sich schließlich die Begegnung mit dem Parsifal. Für viele war gerade dieses Werk der emotionale Höhepunkt ihres Aufenthaltes. Es wurde als „das größte und epischste Werk“ bezeichnet und nicht zuletzt deshalb als etwas Einzigartiges erlebt, weil es eigens für das Bayreuther Festspielhaus konzipiert wurde.

Die anschließende Audio-Collage spannte einen weiten Bogen durch die unterschiedlichsten Erfahrungen der Reise. Sie reichte von enthusiastischen Live-Kommentaren unmittelbar nach den Aufführungen bis hin zu nachdenklichen Momenten beim Besuch der Ausstellung Verstummte Stimmen. Diese erinnert heute dauerhaft an jene Künstlerinnen und Künstler, die zwischen 1933 und 1945 von den Festspielen verdrängt wurden, und an ihre oft tragischen Lebenswege.

Am Ende stand ein nahezu einstimmiges Gesamturteil: Die Bayreuther Festspiele seien ein überragendes Erlebnis. Dies lag nicht allein an den Aufführungen selbst. Ebenso wichtig war für die Stipendiatinnen und Stipendiaten die Begegnung mit über 200 jungen Talenten aus aller Welt. Das gemeinsame Erleben von Kunst, der intensive Austausch und die Möglichkeit, internationale Kontakte zu knüpfen, machten Bayreuth zu einer Erfahrung, die weit über den Opernbesuch hinausgeht.

Die jungen Talente freuen sich über den Applaus für ihre abwechslungsreiche und originelle Präsentation – Foto: André Weißbach

Der offizielle Teil des Abends ging schließlich in ein entspanntes Get-together über. Bei Brezeln und fränkischem Wein kamen Mitglieder und Stipendiaten noch einmal miteinander ins Gespräch, tauschten Gedanken aus und ließen die vielfältigen Eindrücke des Abends nachklingen.

Und genau in solchen Momenten wird der Sinn unseres Förderauftrags besonders deutlich. Wenn man erlebt, mit welcher Begeisterung die jungen Menschen von diesem künstlerischen und persönlichen Ereignis berichten, wenn man hört, dass sie nach ihren eigenen Worten verändert aus Bayreuth zurückkehren, gestärkt in ihrer Persönlichkeit und bestärkt in dem Entschluss, ihren Weg weiterzugehen, dann wird eindrucksvoll bestätigt, wie wichtig die Bayreuth-Stipendien des Richard-Wagner-Verbandes Frankfurt am Main sind. Sie ermöglichen nicht nur außergewöhnliche Opernerlebnisse. Sie schaffen Erfahrungen, die prägen, inspirieren und weit in die Zukunft wirken.