Ein Abend mit Tiefgang und großem Applaus

Verabschiedungen, Neuwahl, Wachstum und ein wissenschaftliches Werk über die Sinnlichkeit bei Richard Wagner – die diesjährige Mitgliederversammlung bot mehr als das übliche Vereinsprogramm.

Text: André Weißbach

Die jährliche Mitgliederversammlung des Richard-Wagner-Verbandes Frankfurt am Main (RWV) ist stets ein wichtiger Fixpunkt im Vereinsjahr. Doch die Zusammenkunft am 21. April 2026 ragte besonders hervor – emotional, inhaltlich und personell. Über 60 Mitglieder waren erschienen; eine erfreulich hohe Beteiligung, die dem Abend von Beginn an Gewicht und Repräsentativität verlieh. 

Den emotionalen Moment des Abends bildete gleich zu Beginn die persönliche Verabschiedung von Rose Wießler, die dem Vorstand des RWV über 30 Jahre lang angehört hatte. Mit langem, herzlichem Applaus der Versammlung wurde ihr Wirken gewürdigt – ein seltenes und verdienstvolles Engagement, das die Geschichte des Vereins maßgeblich mitgeprägt hat.

Dank von Dirk Jenders an Rose Wießler für 30 Jahre Vorstandsarbeit – Foto: Christoph Jenisch

Der Vorsitzende Dirk Jenders eröffnete den offiziellen Teil mit einem beeindruckenden Rechenschaftsbericht über das abgelaufene Jahr 2025. Der RWV ist weiter gewachsen: Die Mitgliederzahl stieg erneut – von 215 auf nunmehr 234 eingetragene Mitglieder. Ein Wachstum, das Jenders vor allem auf zwei Faktoren zurückführte: den Multiplikatoreffekt durch Empfehlungen aus den eigenen Reihen sowie die Präsenz des RWV-Infostandes bei Wagner-Aufführungen in der Oper Frankfurt.

Besonders stolz blickte der Vorstand auf die Vergabe von elf Bayreuth-Stipendien an den künstlerischen Nachwuchs. Neben den langjährigen Partnerinstitutionen – der Oper Frankfurt, der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK) und Dr. Hochs Konservatorium – wurde diesmal ausnahmsweise auch die Musikhochschule Weimar bedacht.

Ein weiterer Höhepunkt des Vereinsjahres 2025 war die Rheingold-Preisverleihung anlässlich des 115-jährigen Gründungsjubiläums des RWV. Die Auszeichnung ging an den Sänger Andreas Bauer Kanabas – eine Veranstaltung, die nach übereinstimmenden Schilderungen, als großartig und eindrucksvoll in Erinnerung geblieben ist.

Jenders berichtete außerdem von einer breiten Veranstaltungstätigkeit: Jour-Fixe-Abende mit spannenden Gästen, Vorträge, Reisen, Führungen und Probenbesuche in der Oper Frankfurt prägten ein vielfältiges Programm. Medial war der Verband ebenfalls präsent – zweimal zu Gast bei hr2-kultur des Hessischen Rundfunks – und wagt zugleich mit dem neuen Instagram Account ein Social-Media-Comeback. Die Mitglieder werden darüber hinaus regelmäßig durch die Frankfurter Wagner-Post informiert.

Im Bereich der Außenvertretung nahm der RWV am Jahreskongress sowie einer Regionalkonferenz des Richard-Wagner-Verbandes International (RWVI) teil und war auch in Riga zugegen, wo der Fortschritt bei der Rekonstruktion des Wagner Theaters besichtigt werden konnte. Dirk Jenders informierte die Versammlung außerdem über den letzten RWVI-Kongress in Amsterdam, die bevorstehende Stipendiatensaison 2026 in Bayreuth sowie die weiteren Planungen für das Programm 2026/27.

Aus den Reihen der Mitglieder kam der Wunsch, sich untereinander besser kennenzulernen und stärker zu vernetzen. Der Vorstand nahm diese Anregung dankbar auf und wird sie bei der künftigen Programmgestaltung berücksichtigen.

Als neuer Schriftführer wurde Stefan Mayer gewählt. Er tritt die Nachfolge von Sven Wehser an, der sich aus beruflichen Gründen aus dem Vorstand zurückziehen musste und dem die Versammlung ebenfalls für sein Engagement dankte.

Seit 21.04.26 neuer Schriftführer im Vorstand: Stefan Mayer – Foto: privat

Den abschließenden und intellektuell anregenden Teil des Abends bildete die Vorstellung des fünften Bandes der Schriftenreihe > Frankfurter Wagner-Kontexte. Das Buch Mythische Sinnlichkeit – Zur Funktion der Wahrnehmung in Richard Wagners Dramen von Dr. Stefanie Spindler erschließt Wagners Dramen aus dezidiert literaturwissenschaftlicher Perspektive und zeigt, dass das Motiv der sinnlichen Wahrnehmung eine ästhetische und zugleich ideologische Schlüsselfunktion in Wagners Werk erfüllt.

In dem von Sven Hartung moderierten, kurzweiligen Gespräch stellte Stefanie Spindler klar, dass es dabei nicht vorrangig um eine erotische Dimension gehe, sondern um die Sinneswahrnehmung als solche – das Vermögen des Menschen, die Welt sinnlich zu erfahren. Wagner nutzte diese Wahrnehmungsfähigkeit, so Spindler, gezielt als künstlerisches und politisches Mittel.

Vorstandsmitglied Sven Hartung im Gespräch mit der Autorin Stefanie Spindler – Foto: Christoph Jenisch

Besonders reizvoll: Spindler plädierte dafür, Wagners Regieanweisungen – von ihr als „Nebentexte“ bezeichnet – als gleichwertig zu Libretto und Musik zu betrachten. Und sie gab dem Publikum eine praktische Empfehlung mit auf den Weg: mehr auf die Texte zu achten, vor allem dort, „wo riechen, schmecken, hören, fühlen vorkommen … das sind großartige Verse“. Band 5 erschien am 13. April 2026 im Tectum Verlag, Baden-Baden.

Die Mitgliederversammlung wurde ihrem Ruf als Höhepunkt des Vereinslebens in jeder Hinsicht gerecht und klang in angeregten Gesprächen aus.