Pfingst-Ausflug zum Rheingold im Staatstheater Meiningen
Text: André Weißbach
Bei uns dreht sich bekanntlich nicht alles um Richard Wagner – aber manchmal schon. Und wenn, dann mit dem Anspruch, Wagners Werk dort zu erleben, wo es wirklich lebt: auf der Bühne. Der Richard-Wagner-Verband Frankfurt am Main bietet seinen Mitgliedern ein breites Spektrum an Reiseformaten. Neben mehrtägigen Opernreisen gehören auch attraktive Tagesfahrten dazu – kompakt und erlebnisreich.
Ein solches Highlight war die Fahrt zum Meininger Theater, wo Wagners Das Rheingold in einer außergewöhnlichen Inszenierung zu erleben war. Mit über 40 Mitgliedern – darunter erfreulicherweise auch neue Mitglieder – machten wir uns am Pfingstmontag auf den Weg.
Pünktlich um 12 Uhr startete der Bus in Frankfurt. Die Fahrt verlief reibungslos, gegen 14:30 Uhr erreichten wir Meiningen. Das ließ genügend Zeit für einen kleinen Stadtbummel durch die sehenswerte Altstadt, die mit ihren gepflegten Gründerzeit- und Barockbauten, dem weitläufigen Marktplatz und den ruhigen Fußgängerzonen einen angenehmen ersten Eindruck hinterließ. Bei sommerlichen Temperaturen um die 30 Grad waren die Eisdielen auch von uns „heiß“ begehrt.
Zum gemeinsamen Essen traf sich die Gruppe im schattigen Garten der Traditionsgaststätte „Henneberger Haus“, einem der ältesten und bekanntesten Lokale der Stadt. Bei soliden thüringischen Spezialitäten und angeregten Gesprächen kam rasch das zusammen, was Vereinsreisen auszeichnet: der persönliche Austausch, das Kennenlernen neuer Mitglieder und das gemeinsame Vorfreuen auf den Abend.
Ein kurzer Fußweg führte zum Meininger Theater, dessen Geschichte eng mit dem Namen Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen verbunden ist. Das Haus feiert in dieser Spielzeit den 200. Geburtstag seines „Theaterherzogs“ – jenes Regenten, der im 19. Jahrhundert durch seine visionären Reformen der Meininger Hofkapelle und des Theaters europäische Maßstäbe setzte.
Vor der Aufführung konnten die Besucher an einer Einführungsveranstaltung mit Dramaturg Matthias Heilmann und Generalmusikdirektor Killian Farrell teilnehmen. Farrell, ein junger, überaus energiegeladener und kommunikativer Musiker, machte dabei sofort neugierig auf die Besonderheiten dieser Produktion.
Drei Aspekte stechen dabei heraus: Meiningen hat sich bewusst entschieden, keinen vollständigen Ring des Nibelungen zu spielen, sondern Das Rheingold als eigenständiges Hauptwerk auf die Bühne zu bringen. Damit befreit es das Stück aus seiner Rolle als sogenannter Vorabend – einem Begriff, der oft als abwertend empfunden wird, als bloßem Appetizer vor dem eigentlichen Zyklus. Als Hauptwerk steht Das Rheingold hier für sich, mit all seiner dramatischen und musikalischen Substanz.
Die Inszenierung sowie die gesamte Bühnen- und Kostümgestaltung stammen von Markus Lüpertz – einem der bekanntesten deutschen Maler, Grafiker und Bildhauer der Gegenwart. Eine ungewöhnliche Wahl, die dem Abend eine ganz eigene visuelle Handschrift verleiht. Hinzu kommt das Spezifische des Meininger Hauses: In einem kleineren Theater nähert sich das Publikum den Figuren auf eine Weise, die in großen Häusern selten zu erreichen ist – eine Nähe, die der ursprünglichen Konzeptionsidee Wagners aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sehr nahekommt.
Die Aufführung selbst hinterließ einen einhellig positiven Eindruck. Besonders gelobt wurde das Ensemble: starke Stimmen, von denen einige noch wenig bekannt, aber bemerkenswert überzeugend sind. Exemplarisch zu nennen sind das Wotan-Debüt von David Steffens, der die Figur mit vokaler Autorität und darstellerischer Präsenz füllte, sowie Tamta Tarielashvili als Erda, deren dunkel timbrierter Mezzosopran nachhaltig beeindruckte.
Hervorzuheben ist auch das Orchester der Meininger Hofkapelle unter der Leitung von GMD Killian Farrell. Ausdrucksstark dirigierte Farrell das Werk mit jugendlichem Zugriff, ohne dabei die Sängerinnen und Sänger zu überdecken – im Gegenteil: Die enge Zusammenarbeit zwischen Orchester-graben und Bühne war spürbar.
Auf der Rückfahrt nach Frankfurt herrschte rege Gesprächsatmosphäre im Bus. Über Inszenierung, Stimmen, Orchesterspiel und die Frage, ob Das Rheingold als Einzelstück besser wirkt als im Zyklus – die Diskussionen zogen sich lebendig durch die Heimfahrt. Kurz nach 23 Uhr waren wir wieder in Frankfurt, schnell und ohne Komplikationen.
Dieser Tagesausflug hat einmal mehr gezeigt, was solche Fahrten leisten können: Sie bringen uns nah an große Musik heran – und manchmal eben auch nah an Richard Wagner.
Das Staatstheater Meiningen nimmt > Das Rheingold ab 19. Dezember 2026 mit fünf Vorstellungen wieder in den Spielplan. Karten dafür sind bereits erhältlich.


