Susanne Rohn und die Orgeln der Erlöserkirche in Bad Homburg
Text: Sven Hartung und Dirk Jenders
Der 18. Juni war der Auftakt einer tropisch-heißen Sommerzeit – ideale Bedingungen also für eine Veranstaltung des RWV Frankfurt in der angenehm kühlen Erlöserkirche in Bad Homburg. Die Kantorin des Gotteshauses, Prof. Susanne Rohn, hatte sich Zeit genommen, um uns die Orgeln „ihrer“ Kirche zu präsentieren. Mit drei wertvollen Instrumenten (historische Wilhelm Sauer-Orgel von 1908, Bach-Orgel von Gerald Woehl 1990, Orgelpositiv von Bernhard Fleig 2008) sowie zwei leistungsfähigen Chören (Bachchor mit 125 Sängern und Kammerchor mit 40 Sängern) gestaltet sie dort seit 1998 ein reichhaltiges und anspruchsvolles Musikprogramm, das über die Grenzen der Stadt hinaus in der ganzen Region Beachtung findet. Viele der über 30 anwesenden Mitglieder und Gäste kennen Susanne Rohn und die Erlöserkirche bereits aus früheren Besuchen, u.a. auch dank ihrer überragenden Parsifal- und Tannhäuser-Aufführungen der vergangenen Jahre. Im Herbst 2027 steht Puccinis Tosca auf dem Programm, dessen 1. Akt bekanntlich in einer Kirche spielt – Sant’Andrea della Valle in Rom.
Die 1908 erbaute Erlöserkirche verfügte schon bei der Eröffnung – ungewöhnlich, wie Frau Rohn sagte – über eine große Orgel, die von dem damaligen königlichen preußischen Hof-Orgelbauer Wilhelm Sauer aus Frankfurt an der Oder gebaut worden war. Ursprünglich als romantische Orgel ausgelegt, verfügt sie über ein Fernwerk, bei dem der Schall durch einen langen Kanal oberhalb des Kirchenschiffes zu einer Rosette über dem Altarraum geführt wird und so in den Kirchraum gelangt, um besondere Klangeffekte zu erzielen. Kaiser Wilhelm II. höchstselbst stellte damals die finanziellen Mittel für das Instrument zur Verfügung.
Die Sauer-Orgel wurde dem jeweiligen Zeitgeschmack entsprechend mehrfach umgebaut; erstmals 1938. Ihre Disposition erschien damals als zu „peinlich romantisch“, später überzeugte die nachträgliche barocke Erweiterung nicht wirklich. Wäre die große Orgel heute nicht in einem so desolaten Zustand (seit dem letzten Umbau 1993 hat keine Generalüberholung mehr stattgefunden), würde sie wieder in einer romantischen Disposition glänzen, die auch den Ansprüchen zeitgenössischer Werke genügt. Die Königin der Instrumente soll in den kommenden Jahren für 750.000 Euro (!) grundlegend gereinigt und erneuert werden, um die weitere Bespielbarkeit zu sichern und ihre klanglichen Ressourcen voll ausschöpfen zu können.
Der historischen Sauer-Orgel äußerst geschmackvoll „vor die Nase gesetzt“ wurde 1990 eine neue Barock-Orgel, die eine historische Registerdisposition von Johann Sebastian Bach aufweist. Zusammen haben die beiden Orgeln 93 Register (62 + 31), 6 Manuale (4 +2) und rund 5.880 Pfeifen (4.000 + 1.880) – inklusive des Fernwerks und zwei weiteren kleineren Orgeln wären es sogar über 100 Register. Die Erlöserkirche kann mit beiden Hauptinstrumenten also zwei wichtige und vollkommen unterschiedliche Musikepochen bedienen, den Barock und die Romantik.
Auf der Bank der Barock-Orgel sitzend führte Frau Rohn ihre Gäste zunächst in die Grundlagen der Orgelmusik ein und erläuterte etwa die Funktion der verschiedenen Register, die Art der Tonbildung in Zungen- und Lippenpfeifen sowie die Funktion des Fernwerks, immer wieder anschaulich gemacht durch kurze Musikbeispiele. Dabei ist ihr wichtig, dass eine Kirchenorgel nicht laut und gewaltig sein muss und bewies, dass man auch an der Grenze des Hörbaren spielen kann. Doch nur Sekunden später und mit einem „Achtung!“ angekündigt, zog die Kantorin alle Register und flutete den imposanten Kirchenraum mit sattem Sound. Das ging durch Mark und Bein. Eine gute Orgel kann eben beides.
Was die Musikfreunde des RWV Frankfurt ebenfalls begeisterte, war die Möglichkeit, einmal durch die große Orgel hindurchzugehen und den Pfeifen-Kosmos, die Windversorgung und die Schweller-Lamellen zur Regulierung des Tonvolumens in Augenschein zu nehmen.
Auch eine interessante Frage aus dem Teilnehmerkreis wurde besprochen, nämlich inwieweit das Orgelspiel eigentlich durch konkrete Anweisungen der Komponisten vorgegeben und gesteuert sei. Rohn erläuterte, dass man primär bei der alten Musik in der Interpretation frei sei und dabei natürlich auch von den Möglichkeiten des jeweiligen Instruments abhängig ist („Eine Orgel ist auch nur ein Mensch.“). Für zeitgenössische Kompositionen lägen jedoch durchaus konkrete Vorgaben der Spielweise vor. Abschließend spielte sie noch eine Toccata von Bach auf der Barock-Orgel und ein Stück von Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901) auf der leider klanglich derzeit sehr eingeschränkten Sauer-Orgel.
Im Anschluss an die sehr interessante Orgelvorführung klang der sommerliche Abend bei anregenden Gesprächen im Schlossgarten aus; das Restaurant Zum Wasserweibchen verwöhnte uns kulinarisch.
Wir haben mit Frau Prof. Rohn locker verabredet, dass wir uns nach Abschluss des „Projekts Sauer-Orgel“ – also in frühestens drei Jahren – noch einmal treffen, um das Instrument dann in neuem Glanz mit strahlendem Klang zu hören.


