Archiv – Nachrichten

02.03.2018
Der schwere Brocken in Wagners Vita
Frank Piontek über Das Judenthum in der Musik

Der Autor des 6. Bandes der „Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung“, Dr. Frank Piontek, ordnet Wagners Traktat „Das Judenthum in der Musik“ klug und rhetorisch brillant ein. Foto: Dirk Jenders

Mit dem Traktat Das Judenthum in der Musik hat Richard Wagner seinen Anhängern ein Werk hinterlassen, das bis heute zu spalten vermag. Frank Piontek, Autor, Kulturjournalist und bekennender Wagner-Enthusiast, hat über das Werk und seine Verankerung in der Zeit geforscht und es in den Kontext von Wagners Persönlichkeit und Lebensweg gestellt. Im vergangenen Jahr konnte er das Ergebnis seiner Untersuchungen in unserem Partnerverband, dem RWV Leipzig, als Band 6 der „Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung“ publizieren; vor einer Woche (23.02.) hat er es unseren Verbandsmitgliedern und der interessierten Öffentlichkeit in Dr. Hoch’s Konservatorium vorgestellt.
Den Bericht über den Vortragsabend finden Sie hier

Der Vorsitzende unseres Partnerverbandes Leipzig, Thomas Krakow, weist zunächst auf den Festspielhaus-Architekt Otto Brückwald hin und führt dann in das Thema des Abends ein. Foto: Dirk Jenders

19.02.2018
Das Ding des Nibelungen
Der Ring in 2:40h – Comedy-Lesung im Theatrallalla

„Da lieg‘, neidischer Kerl! Nothung trägst Du im Herzen.“ Fafner (Bastian Korf), Waldvöglein (Marlene Zimmer), Wanderer (Bäppi La Belle), Siegfried mit Plüschdrachenfisch (Mathias Münch) – Foto: Dirk Jenders

„Schläfst Du, Hagen, mein Sohn?.“ Schon möglich, dass manche Besucher der Götterdämmerung diesen Satz künftig nicht ohne (inneres) Kichern hören können. Diejenigen nämlich, die ihn bei der Comedy-Lesung des Rings im Frankfurter Theatrallalla erlebten – bei der ihn ein Alberich in grasgrüner Zipfelmütze mit gelben Öhrchen sprach. Mehr als zwei Dutzend unserer Mitglieder waren am gestrigen Sonntag bei der vergnüglichen Premiere dabei. Mit fünf äußerst wandlungsfähigen Darstellern spannte sie in weniger als drei Stunden den Bogen von den leichtfertigen Rheintöchtern am Beginn der Tetralogie bis zur Schlussszene der Götterdämmerung, in der diese den Ring wieder in Empfang nehmen.
Es stimmt natürlich: Das Textbuch zum Ring des Nibelungen wurde nicht für eine Lesung geschrieben, Theaterchef und Comedian Bäppi La Belle, bürgerlich Thomas Bäppler-Wolf, ausgewiesener Wagner-Freund und seit kurzem auch Mitglied im RWV Frankfurt, brauchte nur das richtige Gespür für Striche, um aus dem gesprochenen Weltendrama eine Komödie zu machen. Den Rest besorgte die Ausstattung mit phantasievollen Kopfbedeckungen, die den Darstellern in Sekundenschnelle den Rollenwechsel ermöglichten. Wo sonst wird Brünnhilde – rotbezopft mit Wikingerhörnern – im Zwiegespräch mit Hagen von ein und derselben Person dargestellt: nämlich vom schwergewichtigen zwei-Meter-Mann Thomas Bäppler-Wolf, der einfach einen Schlapphut über die Hörner stülpt, um zum Bösewicht zu wechseln (und durchaus überzeugend auch eine der Rheintöchter spricht). Und was mehr braucht es für die
Riesen als einen gelben Bauhelm, für Fricka ein Nudelholz, für Freia ein ausuferndes Obst-Arrangement auf dem Kopf und für Siegfried ein rotes Basecap, um glaubwürdig in die jeweilige Rolle zu schlüpfen. Fazit: für alle, die den respektlosen Umgang mit dem großen Meister nicht als Sakrileg empfinden, sehr empfehlenswert; leider nur kurz im Programm, aber vielleicht gibt es ja eine Wiederaufnahme.

„Siegfried, sieh auf mich.“ Die verschämte Brünnhilde (Bäppi La Belle) mit gangsta style-Siegfried (Mathias Münch) – Foto: Dirk Jenders

26.01.2018
Nicht immer diese Gräfinnen
Camilla Nylund im Künstlergespräch beim RWV Frankfurt

Die Chemie stimmte sofort: Sopranistin Camilla Nylund mit Gastgeber Dirk Jenders (Foto: B. Lammer)

Was sie gerne noch singen möchte? „Eine Rolle, in der man auch böse sein kann.“ Ein echtes Kontrastprogramm also zu den Elsas, Elisabeths oder Kaiserinnen, mit denen Camilla Nylund auf den großen Opernbühnen der Welt brilliert, und eben auch zur Gräfin Madeleine, mit der sie gerade das Frankfurter Publikum in Richard Strauss’ „Capriccio“ in ihren Bann zieht. Zwischen zwei Vorstellungen plauderte Nylund höchst unterhaltsam und informativ beim Jour Fixe unseres Verbands mit Dirk Jenders über ihren Lebensweg und die Opernwelt – und ganz nebenbei gab es auch eine kurze Einführung in die Geschichte Finnlands, wo sie als Kind der schwedischen Minderheit zur Welt kam.
Ihre Ausbildung startete die Sopranistin in Turku. Dass sie anschließend in Helsinki nicht angenommen wurde, hat sie damals „zu Tode betrübt“, letztlich erwies es sich aber als Glücksfall. Denn so kam sie ans Mozarteum nach Salzburg, wo Eva Illes sie lehrte „die hohen Töne zu singen“. Noch heute erzählt Nylund mit großer Dankbarkeit von dieser entscheidenden Phase ihrer Stimmentwicklung. Seit 1999 lebt sie in Dresden, das nicht mehr „grau, hässlich und komisch“ ist wie zehn Jahre zuvor, als sie es bei einem Zwischenstopp am Tag nach der Währungsunion kennenlernte. Hier hat sie mit dem Tenor Anton Saris eine Familie gegründet und steckt nun wie alle berufstätigen Mütter im Hamsterrad: „Als Frau muss man die Kontrolle über alles haben und zehn oder zwanzig Sachen gleichzeitig machen“. Aber sobald sie dann auf der Bühne steht, findet sie sich reich belohnt. „Singen hat mir in vielen Situationen sehr geholfen – es ist gut für Kopf, Herz, Gemüt und Körper“, erklärt Nylund. Besonders gut aufgehoben fühlt sich die geistreich-charmante Sängerin, die praktisch alle Wagner-Rollen ihres Fachs erarbeitet hat, in der Musik von Richard Strauss. „Das liegt einfach gut in der Kehle.“ Und sie achtet darauf, die „Stimme mit dem Silberklang“ (Wolfgang Rennert) nicht zu überfordern. „Mein Ziel ist eine lange Karriere“.
Die Zusammenarbeit mit der Sänger-Legende Brigitte Fassbaender bei der aktuellen Frankfurter „Capricccio“-Inszenierung hat sie als äußerst angenehm erlebt. Dabei sind ihre Erfahrungen mit Regisseuren durchaus unterschiedlich. Bis heute würde sie gerne mit Peter Konwitschny ein Hühnchen rupfen, weil er sie wegen ihrer Schwangerschaft bei der Besetzung der (damals skandalumwitterten) Dresdner „Czardasfürstin“ zurückwies. Bei manchem Regisseur frage sie sich auch, warum der überhaupt inszenieren dürfe. Verrückte Ideen mag sie durchaus; findet aber zugleich, dass man nicht jeden Blödsinn mitmachen muss. Wo sie die rote Linie zieht, mochte Nylund nicht verraten. Sie gesteht aber: „Nach der intensiven Probenzeit genieße ich die Vorstellungen richtig. Das ist Befreiung pur, niemand kann mehr Haltung und Mimik kritisieren oder sagen, ich müsste zwei Schritte weiter rechts stehen.“ Und es ist
offenkundig: die Freude am Singen und Spielen spürt ihr Publikum.

Camilla Nylund als Gräfin Madeleine mit GMD Sebastian Weigle beim „Capriccio“-Schlussapplaus im Januar 2018 an der Oper Frankfurt (Foto: B. Lammer)

 

Nachrichten über unsere Aktivitäten von Oktober 2012 bis Dezember 2017
finden Sie hier.

Ergänzende Berichte zu unseren Nachrichten 2012 bis 2017:
03.12.2017  Frankfurt – Welthauptstadt der Musik
24.09.2017  W = wahnsinnig gut
23.06.2017  Mit zwei Tangos nach Bayreuth
20.04.2017  Kein Licht (mehr) am Ende des Tunnels
24.09.2016  Siegfrieds Drachenschnitzel & Brünnhildensteak
22.05.2016  Der heilige Gral im Industriebau
09.03.2016  50 Jahre RWV Paris
10.10.2012  Auf Wagners Spuren in Luzern