Wagner, das süße Gift

GMD Thomas Guggeis zu Gast im Jour Fixe des RWV Frankfurt 

Thomas Guggeis – Fotos: Christoph Jenisch

Die Hände reden immer mit, wenn Thomas Guggeis erzählt. Aber auch ohne ausgeprägte Gestik würde der neue GMD des Frankfurter Opernhauses sein Publikum in Bann halten, wenn er von sich und über seine Arbeit erzählt. So wie am 20. März im Holzfoyer der Oper, wo Thomas Guggeis als Jour Fixe-Gast des RWV Frankfurt zugleich auch die Rolle des Hausherrn und Gastgebers auf sich vereint. Für die Frankfurter Richard Wagner-Freunde ist der Jour Fixe in diesem exklusiven Rahmen tatsächlich eine Premiere; das Format findet erstmals im Opernhaus am Willy-Brandt-Platz statt. Über 70 Mitglieder, aber auch aktuell geförderte Stipendiaten und Mitarbeiter der Städtischen Bühnen, haben sich zu der vom Vorsitzenden Dirk Jenders perfekt vorbereiteten und unterhaltsam moderierten Veranstaltung eingefunden.

Thomas Guggeis ist gerade aus Mailand zurückgekehrt, wo er die über fünfzig Jahre alte Giorgio Strehler-Inszenierung von Mozarts Entführung aus dem Serail dirigiert hat – ein totales Kontrastprogramm zu seiner aktuellen Arbeit. Nicht nur wegen der schwierigen Akustik der Scala, sondern auch, weil in Mailand ungerührt „historische“ Inszenierungen gezeigt werden, die schon wegen des darin praktizierten Blackfacings hierzulande niemand mehr aufzuführen wagte. Nach dreieinhalb Monaten Abwesenheit ist er, wie er sagt, sehr gerne nach Frankfurt zurückgekehrt. Wie denn auch nicht! „Dieses Haus hat das beste Sängerensemble der Welt, es kann die Salome komplett mit eigenen Kräften besetzen“, so Guggeis und fügt hinzu, dass er die Strauss-Oper an manch anderem großen Haus nicht annähernd in dieser Qualität gehört habe.

Die Salome war es auch, die seinen ungewöhnlich frühen Durchbruch als Dirigent einleitete. Im März 2018 rettete er als 24-jähriger die Premiere an der Lindenoper, nachdem Christoph von Dohnanyi wegen unüberbrückbarer Differenzen mit Regisseur Hans Neuenfels kurz vor der Generalprobe das Handtuch warf. Als damaliger Assistent von Daniel Barenboim war Guggeis mit der Aufführung vertraut. „Ich hatte noch vier Tage bis zur Premiere“, wehrt er übergroße Bewunderung ab. Publikum und Feuilleton jubelten nach seinem Dirigat.   

Mitglieder-Jour Fixe erstmals im Holzfoyer der Oper Frankfurt – Foto: Christoph Jenisch

Von seinem Lehrer Barenboim spricht er mit großer Hochachtung und Wärme. „Barenboim hat eine unfassbar schnelle Auffassungsgabe, er ist selbstironisch, heiter und von einer unglaublichen Herzlichkeit.“ Guggeis fasziniert das Multitalent, das bruchlos zwischen sieben Sprachen umschaltet, vor allem aber bewundert er den Menschen, der Musik, unterschiedliche Kulturen und scheinbar politische Gegensätze zusammenführen konnte. „Musik per se ist unpolitisch, Musik ist menschlich.“

Nach dem grandiosen Erfolg des Berliner Salome-Dirigats trat Guggeis den schon zuvor vereinbarten Posten des Kapellmeisters an der Staatsoper in Stuttgart an. Es wurde für ihn der perfekte Ort, um wichtige Erfahrungen zu sammeln. Cornelius Meister, als dessen Assistent er zwei Jahre lang arbeitete, kenne jedes kleinste Stellschräubchen im Opernbetrieb, berichtet Guggeis. Nach dieser „Lehrzeit“ kehrte er als Staatskapellmeister an die Berliner Lindenoper zurück und geriet ins Blickfeld des Frankfurter Opernintendanten Bernd Loebe.

Nicht nur das herausragende Frankfurter Ensemble und die vielfache Auszeichnung des Hauses, sondern auch die Verfassung des Orchesters weiß Guggeis zu schätzen. Seinen Vorgänger Sebastian Weigle lobt er in den höchsten Tönen. „Nach 15 Jahren verließ er ein Haus, in dem alles sehr gut ist, nicht einen Trümmerhaufen, wie das an anderen Orten vorkommt.“

Zur künftigen Spielplangestaltung sieht sich Guggeis in einem guten Austausch mit Bernd Loebe. Dessen „Ausgrabungen“ selten gespielter oder vergessener Opern hebt er besonders hervor. „Sie machen die Arbeit wahnsinnig spannend und herausfordernd.“ Aber der Blick geht auch nach vorne. Uraufführungen sollen weiterhin ihren Platz in der Frankfurter Oper finden.

Musikalisch standen für Guggeis in den ersten Jahren seiner Karriere Strauss und vor allem Wagner im Zentrum, dessen Musik er als „süßes Gift und eine gefährliche Welt, die einen aufwühlt“ bezeichnet. Es folgte die Begeisterung für Mozart „als herrliches Korrektiv, um menschlich zu bleiben“. Was das italienische Repertoire betrifft, beispielsweise Bellini oder Donizetti, bekennt Guggeis „er freue sich auf den Tag, an dem ihm das einleuchtet“.

Seine konkreten Pläne? Guggeis will die Säulen seiner ersten Spielzeit ausbauen. Mozart, Verdi und Strauss stehen auf dem Programm, das zeitgenössische Repertoire wird gepflegt und es wird auch in den nächsten Spielzeiten Wagner geben. Die Neuinszenierung des Tannhäuser ist ab Ende April zu sehen. Dass der legendäre Nemirova-Ring wiederkehrt, ist für den neuen GMD durchaus denkbar: „Wenn man was hat, das gut funktioniert – don’t touch it!“ Wobei Guggeis auch eingestand, „ein riesiger Fan von 100-Minuten-Opern“ zu sein, wie es Elektra, Rheingold oder Wozzeck sind.

side-by-side: Richard W. und der Frankfurter GMD Thomas Guggeis – Foto: Christoph Jenisch

Ein 15-jähriges Verbandsmitglied hat Thomas Guggeis gefragt, wie sein Interesse für Musik geweckt wurde. Voilá: der vierjährige Thomas erhielt zunächst ein Schlagzeug. Es folgte Klavierunterricht, den er mit großem Eifer wahrnahm. „Ich habe fünf Stunden am Tag geübt. Ob das meine Eltern gefreut hat, weiß ich nicht …“. Ein Lehrer weckte sein Interesse für innere Zusammenhänge in der Musik und damit am Dirigieren. An der Oper liebt Guggeis die Symbiose von Musik und Theater. „Das ist einer der Höhepunkte menschlicher Kulturgeschichte.“ Zur Kritik hat er „ein ruhiges Verhältnis“, wie er sagt. „Ist sie gut, wird man eitel, ist sie schlecht, brauche ich ein konkretes Feedback von Menschen, denen ich vertraue.“

Das Potential des viel gefragten GMD scheint unerschöpflich und geht weit übers Dirigieren hinaus. Auftritte als Pianist in einem Familienkonzert im Mozartsaal der Alten Oper und in einem Kammerkonzert mit Mitgliedern seines eigenen Orchesters werden ergänzt durch die pianistische Begleitung von Liederabenden vielversprechender junger Ensemblemitglieder im Holzfoyer. Und was wünscht er sich vom Publikum? „Dass Sie weiterhin das Repertoire, auch das unbekannte, so begeistert annehmen. Diese Offenheit und Begeisterung des Frankfurter Publikums finde ich toll und ist ein großes Geschenk.“

Beim anschließenden Get-together nutzten die Mitglieder die Chance, mit Thomas Guggeis bei Brezeln und Wein weiter ins Gespräch zu kommen. Spätestens an diesem Abend hat der sympathische GMD viele neue Fans gewonnen.