Ulrike Kienzle und Wagners Tristan und Isolde: Gipfelpunkt der Romantik und Auftakt zur Neuen Musik
Text: André Weißbach / Fotos: Christoph Jenisch
Ein Abend, der in Erinnerung bleibt: Mit ihrem Vortrag über Richard Wagners Tristan und Isolde entführte Dr. Ulrike Kienzle das Publikum des Richard-Wagner-Verbandes Frankfurt am Main erneut auf einen fesselnden Streifzug, diesmal durch eines der rätselhaftesten und radikalsten Werke der Musikgeschichte. Anhand eindringlicher Text- und Musikbeispiele legte die Musikwissenschaftlerin offen, warum dieses Werk bis heute nichts von seiner Sprengkraft verloren hat – und warum es 1865 eine totale Provokation war: nicht weniger als der Auftakt zur musikalischen Moderne.

Dr. Ulrike Kienzle und „Tristans Wunderreich der Nacht“ am 2. März 2026 im Dr. Hoch’s Konservatorium
Friedrich Nietzsche nannte es ein Opus Metaphysicum: ein Werk, das nicht nur Töne bewegt, sondern in die Grundfragen menschlicher Existenz vordringt. Kaum verwunderlich, dass Zeitgenossen angesichts der Uraufführung ratlos und erschüttert reagierten. Man befand das Proben und Spielen der Oper schlicht für „unmöglich … das kann man nicht spielen oder singen … das ist Katzenmusik”, und Kritiker sprachen von einem „chaotischen Tongewirr”. Was heute als Meilenstein gilt, galt damals als Zumutung.
Mit dem ersten Akkord setzt Wagner ein Zeichen für die Ewigkeit: der berühmte Tristan-Akkord. Dr. Kienzle bezeichnete ihn als die Urformel stillen Begehrens und die Quintessenz der Welt – ein musikalisches Symbol, das nicht Erfüllung verheißt, sondern den ewigen Zustand der Unerfülltheit verkörpert. Den Liebestrank im ersten Aufzug sieht sie als ein transzendentes Symbol für die bereits erfolgte innere Verwandlung und dabei ist es „egal, was sie trinken, es könnte auch Likör sein“.
Das Herzstück des Abends und zugleich der philosophische Kern der Oper: das große Liebesduett des zweiten Aufzugs. Dr. Kienzle betonte nachdrücklich, dass Tristan und Isolde kein Liebesdrama im konventionellen Sinne ist, sondern ein Philosophiediskurs in Musik gekleidet.






