Von Wagner zu Hindemith

… und zurück? Anmerkungen zu einem schwierigen Verhältnis

Es war eine sehr wechselvolle Beziehung, die Paul Hindemith mit Richard Wagners Werk verband. Der Musikwissenschaftler Wolfgang Rathert – bereits als 18jähriger Abiturient Stipendiat des RWV Minden – schilderte das beim vorweihnachtlichen Zusammentreffen der Frankfurter Wagner-Freunde am 3. Dezember im restlos ausverkauften Kuhhirtenturm an eindrucksvollen Beispielen.

Prof. Dr. Wolfgang Rathert (Ludwig-Maximilians-Universität München) sucht und findet Verbindendes zwischen Paul Hindemith und Richard Wagner (Foto: RWV Frankfurt)

Prof. Dr. Wolfgang Rathert (Ludwig-Maximilians-Universität München) sucht und findet Verbindendes zwischen Paul Hindemith und Richard Wagner (Foto: RWV Frankfurt)

Paul Hindemith, Jahrgang 1895, wurde in eine von Wagner durch und durch geprägte Musikwelt hineingeboren. Der Wagner-Kult des Kaiserreichs und der damalige Mythos um den Komponisten seien heute unvorstellbar, so Rathert. Kein Wunder also, dass der junge Musiker sich in diesem Umfeld an Wagner-Parodien versuchte! Schon bald sind aber, wie Rathert zeigte, in Hindemiths Werk Wagnersche Ausdrucksformen zu entdecken, etwa aus der „Walküre“ in seinem Einakter „Sancta Susanna“ von 1922. „Sancta Susanna“ übernimmt zugleich das symmetrische Konzept des Parsifal: Kundry erscheint als Vorbild für Susanna.

Hindemith, seit den 20er Jahren der Star unter den jungen Komponisten, wollte zwar das expressionistische Theater beenden und sich damit von Wagner absetzen. Aber im musikalischen Hörbild „Der Flug der Lindberghs“, einer Gemeinschaftsproduktion mit Bert Brecht und Kurt Weill für den Rundfunk im Jahr 1929, erinnert dessen „Nebel“- Passagen an Wotans Einzug in Walhall aus dem „Rheingold“.

Mit „Mathis der Maler“, uraufgeführt 1938, wurde Hindemith schließlich wie Richard Wagner sein eigener Librettist; das Werk sollte wie Wagners „Meistersinger“ eine „deutsche“ Oper sein. Theodor W. Adorno, ursprünglich ein glühender Verehrer Hindemiths, ätzte damals, man habe es bei dem – zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nicht 40jährigen – Komponisten mit „einem krassen Reaktionär zu tun, der mit dieser Oper sein eigenes Staatsbegräbnis geschaffen hat“. Zum großen Thema Hindemiths wurde „die Gefährdung der Seele im Zeitalter der Moderne“, wie Rathert ausführte; dieses Thema habe er in seinen Werken in den verschiedensten Formen umgesetzt.

Ein hoch konzentriertes, virtuoses HfMDK-Duo spielt Hindemith im Kuhhirtenturm: Cellistin Hsiang-Yi Yang und Pianistin Yu-Chen Yu (Foto: RWV Frankfurt)

Ein hoch konzentriertes, virtuoses HfMDK-Duo spielt Hindemith im Kuhhirtenturm: Cellistin Hsiang-Yi Yang und Pianistin Yu-Chen Yu (Foto: RWV Frankfurt)

Hindemiths 3 Stücke für Cello & Klavier op. 8 – kombiniert mit Johann Sebastian Bachs Suite Nr. 1 G-Dur für Violoncello solo – wurden im Konzertteil des Nachmittags live durch die Cellistin Hsiang-Yi Yang und Pianistin Yu-Chen Yu (beide HfMDK-Studierende) dargeboten. Zum Ausklang gab es nicht nur anregende Gespräche, sondern auch den schon traditionellen Dresdner Christstollen zu Söhnlein Rheingold-Sekt.

Jahrhundert-Lohengrin trifft Bundesoperetten-Sängerin

Zwei Stars aus der Talentschmiede Neu-Isenburg

Rose Wießler, die stellvertretende Vorsitzende des RWV Frankfurt, hatte sie entdeckt, die Franz Völker und Anny Schlemm-Gesellschaft in Neu-Isenburg, und mit deren langjährigem Vorsitzenden Berthold Depper ein Zusammentreffen organisiert. Am 19. November verbrachten 27 Mitglieder unseres Verbands einen anregenden Nachmittag in der Stadt der 1000 Sänger, wie Neu-Isenburg sich nennt. Im Stadtmuseum Haus zum Löwen stellte uns Berthold Depper die beiden Ausnahmekünstler mit Anekdoten, Film- und Interviewausschnitten sowie wunderbaren Musikbeispielen vor und zeigte auch Bespiele der „Devotionaliensammlung“ seiner Gesellschaft.

Heldentenor Franz Völker aus Neu-Isenburg

Heldentenor Franz Völker aus Neu-Isenburg

Franz Völker, Jahrgang 1899, hatte schon als junger Chorsänger die Aufmerksamkeit des Großherzogs Ernst Ludwig auf sich gezogen, der seine Ausbildung finanzieren wollte. Der 1. Weltkrieg hätte die Karriere des Tenors dann beinahe verhindert. Völker ließ sich nach der Rückkehr zum Bankkaufmann ausbilden. 1925 aber brachte ihm ein Radiosängerkrieg im gerade gegründeten Sender Frankfurt, bei dem er vom Publikum aus Hunderten von Mitbewerbern zum Sieger gewählt wurde, einen Vertrag der Frankfurter Oper ein. Er debütierte als Florestan, der die Rolle seines Lebens bleiben sollte. Später ging er nach Wien, Berlin und München und sang an allen bedeutenden Opernhäusern Europas. Sein Bayreuther Lohengrin von 1936 gilt bis heute als Meilenstein. Der Heldentenor hatte aber auch ein Faible für die leichte Muse; das zeigen zahllose Schellackplatten aus den 20er Jahren.

Anny Schlemm's Portrait im besten Lichte; davor v.r.n.l.: Berthold Depper, Rose Wießler und Dirk Jenders (Foto: H. Schmid)

Anny Schlemm’s Portrait im besten Lichte; davor v.r.n.l.: Berthold Depper, Rose Wießler und Dirk Jenders (Foto: H. Schmid)

Eine Blitzkarriere gelang Anny Schlemm, 1929 in Neu-Isenburg geboren und später in Halle aufgewachsen. Mit 17 debütierte sie am dortigen Landestheater als Bastienne; zwei Jahre später holte sie Ernst Legat an die Berliner Staatsoper; gleichzeitig verpflichtete Walter Felsenstein sie an die Komische Oper. Nach dem Krieg wechselte Anny Schlemm nach Köln und später nach Frankfurt, wo sie viele unserer Mitglieder noch in verschiedenen Rollen erlebt haben, letztmalig in der Saison 2002/2003. Gastauftritte führten sie in die namhaftesten Opernhäuser der Welt und zu allen bedeutenden Festspielen, auch als „Holländer“-Mary nach Bayreuth. Ihr jugendlich heller Sopran entwickelte sich im Lauf ihrer fast sechzigjährigen Bühnenkarriere zum Mezzo und Alt. Ihre Liebe zur sogenannten leichten Muse brachte ihr in den 1950er Jahren den liebevollen Titel „Bundesoperettensängerin“ ein. Anny Schlemm lebt heute bei ihrem Sohn, dem Jazz-Musiker Uli Rennert, in Graz.

Die Teilnehmer ließen es sich nach den vergnüglichen Stunden im Haus zum Löwen noch bei Apfelwein Föhl wohl sein.

RWV Frankfurt auf Stifterwand gewürdigt

HfMDK dankt für wertvolle Kooperation

Seit wenigen Tagen prangt der Richard-Wagner-Verband Frankfurt am Main auf der Stifterwand im Foyer der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK).

Die Stifterwand im Foyer der HfMDK (Foto: RWV Frankfurt)

Die Stifterwand im Foyer der HfMDK (Foto: RWV Frankfurt)

Mit diesem unübersehbaren Zeichen würdigt die Hochschule das Engagement für ihre Studentinnen und Studenten durch den etwas anderen Fanclub der Frankfurter Wagner-Freunde. Jährlich gehen vier Bayreuth-Stipendien an das Haus in der Eschersheimer Landstraße. Zudem engagiert sich der RWV Frankfurt seit 2015 aktiv in der Gesellschaft der Freunde und Förderer der HfMDK (GFF). Eine Kooperation bestand bereits von 1959 bis 1980, als nahezu alle Bayreuth-Stipendien des Frankfurter Ortsverbandes an die Musikhochschule gingen. Studenten wie die Altistin Ortrun Wenkel oder die Tenöre Robert Schunk, Christoph Prégardien (auch auf der Stifterwand zu finden!) und Wolfgang Schmidt profitierten damals davon. Zwischen 1981 und 2013 gab es dann eine Förderkooperation nur mit dem Dr. Hoch’s Konservatorium. Heute sind diese „Exklusiv-Patenschaften“ Geschichte und junge Künstler aus dem Dr. Hoch’s, der HfMDK sowie der Oper Frankfurt fahren auf Initiative des RWV allsommerlich gemeinsam zu den Bayreuther Festspielen.  20161117_113125

Adorno und Mahler

Ein musikalischer Vortragsabend mit Alfred Stenger

Wieder einmal war es eine anspruchsvolle Mischung aus Vortrag, historischen Aufnahmen, Klavierspiel und Lied, mit der Dr. Alfred Stenger am 12. Oktober ein interessiertes wie kenntnisreiches Publikum in den Bann gezogen hat. Die Veranstaltung war auch außerhalb der Frankfurter Wagner-Gemeinde auf erfreuliche Resonanz gestoßen und der Engelbert Humperdinck Saal in Dr. Hoch’s Konservatorium folglich gut besetzt.

Adornos Monographie über Gustav Mahler, „eine musikalische Physiognomik“, wie der Autor sie betitelt hatte, zeichne sich durch eine besondere formale und ästhetische Geschlossenheit aus, so Stenger; das große Faszinosum des Buches liegt für ihn darin, dass Adorno dort „die Wellen emotionaler Gegensätze harmonisiert, die in den Sinfonien zutage treten“. Stenger verdeutlichte die Breite dieses Schaffens durch zahlreiche Hörbeispiele. Die Mezzosopranistin Marina Unruh interpretierte vier Mahler-Lieder. Selten zu hören sind Werke des erst 23Jährigen Komponisten, in denen Naturklänge und Kindheitsbilder verschmelzen, wie der „Maitanz im Grünen“ und „Ich ging mit Lust durch einen grünen Wald“. Von den Naturklängen zeichnete Stenger den Bogen über melancholische Lyrismen bis zur Auflösung musikalischer Strukturen im späten Schaffen Mahlers. Aus den Kindertotenliedern, die Adorno als „latentes Kraftzentrum“ gelten, das seine Strahlen über das gesamte Werk Mahlers sendet, trug Marina Unruh zwei Beispiele vor: „Nun will die Sonn so hell aufgeh’n“ und „Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen“.

Jahrzehntelang war Mahler in deutschen Konzertsälen nicht zu hören; darauf wies in der anschließenden Diskussion der Musikkritiker Hans-Klaus Jungheinrich hin und bezeichnete diese Zurücksetzung als „schreiendes Unrecht“. Es sei das große Verdienst Theodor Adornos gewesen, mit seinen Schriften Gustav Mahler hierzulande zum Durchbruch zu verhelfen.

Am Mittwoch, 1. März 2017 (19:30 Uhr), stellt unser Mitglied Alfred Stenger „Adorno und Berg“ in den Mittelpunkt seines nächsten musikalischen Vortrages im RWV Frankfurt.

Siegfrieds Drachenschnitzel & Brünhildensteak

Was 10 Frankfurter Stipendiaten in Bayreuth erlebten

Das Angebot der Bayreuther „Eule“-Gastronomie hat unsere Stipendiaten immerhin soweit beeindruckt, dass es auch beim Stipendiatenabend am 22. September in ihrer Nachlese-Präsentation auftauchte. Aber die entscheidenden Erlebnisse, über die die sieben Nachwuchskünstler berichteten – drei konnten wegen Prüfung, Grippe oder Wettbewerbsteilnahme nicht dabei sein – waren natürlich andere. „Ich habe noch nie so viele Wagner-Aufführungen in so kurzer Zeit erlebt und dabei so viele weltberühmte Sänger vergleichen können“, erzählte Thomas Faulkner, der den einen oder anderen vom Publikum geliebten Gesangskollegen durchaus auch kritisch bewertet. Obwohl der Bassbariton der Oper Frankfurt an diesem Abend erst noch den Zuniga in „Carmen“ gab, war er nach seinem Auftritt direkt in die „Incantina“ gekommen.

Sophie Wenzel, nicht nur „heller Mezzo“ (Eigencharakterisierung), sondern auch Logopädin, war „schwer beeindruckt von der stimmlichen Hochleistung der Sänger in Bayreuth“. Für Dirigent Michael Meininger war es interessant, das Festspielhaus in den drei Aufführungen aus verschiedenen Sicht- und Hör-Positionen kennenzulernen. Seinen Kollegen Daniel Reith beschäftigte unter anderem die Frage, ob die Spannung nicht verloren geht, wenn man in kurzen Hosen und T-Shirt im Orchestergraben spielt. Die Musiker konnten ihn beruhigen: Der Druck ist weg, die Leistung besser. Trompeter Malte von der Lühe faszinierte, wie unterschiedlich das Orchester unter den jeweiligen Dirigenten agiert. Penelope Mason hatte „noch niemals eine solch intensive Opernerfahrung“; die junge Sopranistin war zudem begeistert von der Modernität der Inszenierungen. Auch Michael Meininger gefiel es, dass „nichts Altbackenes“ dabei war. „Es kommt nicht immer an, was die Regie macht. Aber man muss sich trauen“, sagt er. Katharina W. wird’s gerne hören.

Für Klarinettistin Dana Barak war das Stipendiatenkonzert „Perlen auf die Ohren“. Dass sie mit Schuberts „Der Hirt auf dem Felsen“ – zusammen mit Daniel Reith am Klavier und Sopranistin Katharina Ruckgaber – einen herausragenden Frankfurter Beitrag zum Konzertprogramm leistete, soll nicht unerwähnt bleiben. Das Allerwichtigste war aber den Bayreuth-Fahrern die Gelegenheit, die vielen anderen Stipendiaten aus aller Welt kennenzulernen, Tipps auszutauschen, neue Freunde zu finden und gleichzeitig die Stars der Bayreuther Festspiele – ob Sänger, wie Stefan Vinke, Regisseure, Musiker oder Dirigenten – aus nächster Nähe zu erleben. Fazit: „Danke für dieses einmalige Erlebnis“. Die „Bayreuth-Nachlese“-Präsentation (5,9 MB-Datei) finden Sie hier
(bitte in der 16-seitigen Präsentation Seite für Seite scrollen)

Intensiver Austausch der Mitglieder mit den Stipendiaten nach der "Bayreuth-Nachlese"-Präsentation

Intensiver Austausch der Mitglieder mit den Stipendiaten im Anschluss der „Bayreuth-Nachlese“ am 22.09.16 in Frankfurt (Foto: H. Schmid)

Auf eine Pfefferhaxe mit Siegfried

Junge Künstler aus Frankfurt beeindrucken in Bayreuth

Unsere Stipendiaten am 15.08.16 vor dem Festspielhaus - von links nach rechts - vorne: Dana Barak, Sophie Wenzel, Katharina Ruckgaber, Penelope Mason / hinten: Hsiu-Wei Hu, Malte von der Lühe, Iusef Dzhakh-Dzhakh, Thomas Faulkner, Dirk Jenders (RWV FFM), Daniel Reith, Michael Meininger

Unsere Stipendiaten am 15.08.16 vor dem Festspielhaus – von links nach rechts – vorne: Dana Barak, Sophie Wenzel, Katharina Ruckgaber, Penelope Mason / hinten: Hsiu-Wei Hu, Malte von der Lühe, Iusef Dzhakh-Dzhakh, Thomas Faulkner, Dirk Jenders (RWV FFM), Daniel Reith, Michael Meininger

Wenn sich die 10 Stipendiaten des RWV Frankfurt zum Gruppenfoto vor dem Bayreuther Festspielhaus aufstellen, wird einiges an Platz benötigt. Der förderstärkste Wagner-Verband erregte tatsächlich Aufsehen, als sich die kleine Prozession auf den Weg zum blumengeschmückten „Wagner-W“ machte. Sogar die Polizisten, die sich auf die Inhalte der Damenhandtaschen konzentrierten, traten freundlich beiseite. Vom 13. bis 18. August besuchten die jungen Talente des Dr. Hoch’s Konservatoriums, der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst sowie der Oper Frankfurt die Bayreuther Festspiele. Dieses Erlebnis teilten Sie mit 240 anderen jungen Künstlern der Wagner-Verbände aus aller Welt. Auf dem Stipendienprogramm standen die Festspielaufführungen „Der fliegende Holländer“, die Neuproduktion „Parsifal“ sowie „Götterdämmerung“. Katharina Ruckgaber (Sopran), Dana Barak (Klarinette) und Daniel Reith (Klavier) wurden aufgrund ihrer erfolgreichen Bewerbungen zur Teilnahme am Internationalen Stipendiatenkonzert der Richard-Wagner-Stipendienstiftung ins Große Haus der Stadthalle eingeladen. Dort nahm das Trio mit Schuberts „Der Hirt auf dem Felsen“ für sich ein. Drei Tage zuvor kam prominenter Besuch zum traditionellen Abendessen der Partnerverbände aus Frankfurt und Leipzig. Stefan Vinke folgte nur zu gerne der Einladung in die „Lohmühle“, um dort ungezwungen und auf höchst sympathische Weise aus seiner Karriere zu berichten. Der Heldentenor war genau vor 20 Jahren ebenfalls Stipendiat des RWV Mannheim Kurpfalz und konnte sich damals wahrlich nicht vorstellen, dereinst in Partien wie Tristan, Stolzing oder seit 2015 als Siegfried auf der Festspielbühne zu stehen. Insbesondere den Sängern unter den Stipendiaten gab er wertvolle Ratschläge für ihre berufliche Entwicklung. Kein Wunder also, dass der überaus gelungene Abend bei guten Schoppen, Pfefferhaxe & Co. nur so verflog. Am 22. September werden die Frankfurter Stipendiaten den Mitgliedern im etwas anderen Fanclub von ihren Bayreuther Eindrücken berichten.

Tenor Stefan Vinke (Bildmitte) im Gespräch mit Stipendiaten aus Frankfurt und Leipzig in der "Lohmühle" / Bayreuth

Tenor Stefan Vinke (Bildmitte) im Gespräch mit Stipendiaten aus Frankfurt und Leipzig in der „Lohmühle“ / Bayreuth (Fotos: Christoph Jenisch  / RWV Frankfurt)

Konzert unter vollen Segeln

Die 10 Bayreuth-Stipendiaten des RWV Frankfurt kommen 2016 aus Israel, Australien, Deutschland, England, Taiwan sowie der Ukraine und vertreten ganz unterschiedliche Fächer: Zwei Soprane, ein Mezzosopran und Bassbariton, zwei Dirigenten, ein Komponist, eine Klarinettistin, ein Flötist und Trompeter. Mit ihrem Programm nahmen die jungen Talente ihr Publikum im diesjährigen Frankfurter Stipendiaten-Konzert mit auf eine große musikalische Reise. Gleich zum Auftakt ging es mit Dirigent Michael Meininger und den über 40 (!) Damen und Herren der Stadtkapelle Friedberg quasi unter vollen Segeln auf die Jagd nach dem Weißen Wal (Of Sailors and Whales für sinfonisches Blasorchester von William Francis McBeth). Dirigent Daniel Reith machte durch intensives Klavierspiel mit dem Australier Carl Vine (Klaviersonate Nr. 1) bekannt. Das spanische und italienische Liederbuch (Hugo Wolf) besang Sopranistin Penelope Mason so verführerisch, dass ihr das Publikum nach jedem Lied einen Szenenapplaus gönnte. Mezzosopranistin Sophie Wenzel übererfüllte alle Erwartung (Schönberg) und führte mit Clara Schumann im gleichnamigen Saal des Hoch’schen Konservatoriums  sprichwörtlich an die Loreley. Komponist Hsiu-Wei Hu ließ durch die virtuos spielende, hauchende wie summende Cellistin Hsiang-Yi Yang sein 2014 entstandenes Werk Im Wald (nach Eichendorff: Es ist schon spät, es ist schon kalt) aufführen. Dana Barak begeisterte dank perfekter Instrumentenbeherrschung sowie großartiger Interpretation mit Bernsteins Sonata für Klarinette und Klavier. Katharina Ruckgaber, Sopran im Opernstudio, bedankte sich zur seligen Stunde (Zemlinsky) einer Nuit d’étoiles (Debussy) mit einer hochfeinen Zueignung (Richard Strauss). Iusef Dzhakh-Dzhakh (Querflöte) und Malte von der Lühe (Trompete) rundeten das 2-stündige Konzert mit Werken von J.D. Braun und Thorvald Hansen ab. Für Bassbariton Thomas Faulkner (Opernstudio) hatte an diesem Abend eine Wozzeck-Probe mit Regisseur Christof Loy aus nachvollziehbaren Gründen Priorität. Er singt darin den ersten Handwerks-burschen.

Glückliche Stipendiaten nach einem großartigen Konzert am 16. Juni 2016 im Dr. Hoch’s Konservatorium (zum Vergrößern bitte ins Bild klicken)

Glückliche Stipendiaten nach einem großartigen Konzert am 16. Juni 2016 im Dr. Hoch’s Konservatorium (zum Vergrößern bitte ins Bild klicken)

Die Stipendiaten des RWV Frankfurt besuchen vom 13. bis 18. August die Bayreuther Festspiele und erleben dort u.a. die Aufführungen Der fliegende HolländerParsifal und Götterdämmerung. Zur großen Freude der Frankfurter Wagner-Freunde sind Dana Barak, Penelope Mason und Daniel Reith (alle HfMDK) eingeladen, am 17. August im Internationalen Stipendiaten-Konzert der Bayreuther Richard-Wagner-Stipendien-stiftung mitzuwirken. Das Trio wird das Konzertprogramm mit Der Hirt auf dem Felsen von Franz Schubert bereichern. 

Der RWV Frankfurt on Tour

Meisterliche „Meistersinger“ in München

Schon lange vor der Premiere waren alle Vorstellungen der Neuinszenierung der „Meistersinger“ an der Bayerischen Staatsoper ausverkauft. Bärbel Franz hatte es durch frühzeitige Initiative trotzdem geschafft, für die Mitglieder des RWV Frankfurt 22 der begehrten Tickets für die Aufführung am 4. Juni zu ergattern. Wer dabei war, erlebte eine musikalisch und sängerisch herausragende Vorstellung.

Kirill Petrenko bestätigte mit dem Bayerischen Staatsorchester eindrucksvoll seine Ausnahmestellung als Wagner-Interpret. Wolfgang Koch wurde für seine Darstellung des Hans Sachs mit besonders lang anhaltendem Beifall gehuldigt, für den Münchner Publikumsliebling Jonas Kaufmann, der einen flapsig-arroganten Stolzing gab, flogen sogar Blumen auf die Bühne. Sara Jakubiak vom Ensemble der Oper Frankfurt beeindruckte als Eva; Markus Eiche konnte der Figur des Sixtus Beckmesser einen ungewohnt tragischen Akzent verleihen. Die insgesamt vergnügliche Inszenierung von David Bösch bot wieder viel fahrbares Gerät auf: einen kleinen Citroen-Laster als mobile Schusterwerkstatt, Mofas für Eva und David, eine elegante Limousine für Pogner und eine elektrische Hebebühne für Beckmessers Ständchen.

Am Vorabend hatte Karl Russwurm, Vorsitzender des RWV München, zu einem eigens für die Frankfurter Gäste arrangierten Vortrag über „Bayreuths inszenierte Skandale“ eingeladen. „Fürchtet Katharina sich vor einem Nicht-Skandal mehr als vor einem Skandal?“ fragte provozierend der Hamburger Musikwissenschaftler Peter Krause. Ein ordentlicher Skandal sorge schließlich für ausgedehnte überregionale Berichterstattung. „Echte“ Inszenierungs-Skandale – wie etwa anlässlich Götz Friedrichs „Tannhäuser“ von 1972 und des „Rings“ von Patrice Chereau – werden, so Krause, zunehmend durch „inszenierte Skandale“ wie um das Hakenkreuz-Tattoo von Jewgeni Nikitin abgelöst. Fast 100 Zuhörer lauschten im vollbesetzten Saal des Künstlerhauses am Lenbachplatz seinem kenntnis- und detailreichen Vortrag. Danach trafen sich die Münchner und Frankfurter Wagner-Fans beim „Wagner-Stammtisch“ und erfreuten sich am regen Austausch.

Zwischen den Wagner-Terminen bot sich den Gästen aus Hessen trotz der heftigen Wolkenbrüche dieses Wochenendes noch ausgiebig Gelegenheit, die kulturellen und kulinarischen Schmankerln Münchens auf eigene Fast zu erkunden und zu genießen.
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Der heilige Gral im Industriebau

Beeindruckender Peter-Behrens-Bau in Höchst

Zutreffender hätte es Ulrich Boller, Archivar der Clariant in Höchst, nicht ausdrücken können: Wagners musikdramatische Leitmotivik stand Pate für die großartige Architektur von Peter Behrens im heutigen Industriepark (IP) Höchst. Der Hanseat und Wagner-Verehrer, der auch auf der Darmstädter Mathildenhöhe bauliche Meilensteine setzte, ließ zwischen 1920 und 1924 – unweit des Höchster Schlosses – das imposante „Technische Verwaltungsgebäude“ der ehemaligen Höchst AG errichten. Er nutzte das Stilmittel des Expressionismus, das aber den Barock in seiner Grundanlage nicht verleugnet und den Besucher bis heute verblüfft.

Kuppel-Kristalle im Peter-Behrens-Bau (Foto: Christoph Jenisch)

Kuppel-Kristalle im Peter-Behrens-Bau (Foto: Christoph Jenisch – zum Vergrößern ins Bild klicken)

Die „nur“ 15 Meter hohe Halle erscheint durch damals neue räumliche Dimensionen viel höher und bietet unter den drei Kuppeln in Form chemischer Kristalle bis heute ein so nie erlebtes Farbspektrum. „Umbautes Licht“ wird hier nicht zum Widerspruch, sondern zur Maxime. Der Umzug des damaligen Vorstands in das neue IG-Farben-Haus im aufstrebenden Frankfurter Westend leitete bereits 1925 den Bedeutungsverlust des Behrens-Baus ein. So erklangen die von ihm konzipierten „Parsifal“- und „Lohengrin“-Motive nie von dessen Glockenturm, die dem hart arbeitenden Menschen Schichtbeginn und -ende ankündigen sollten. Wer heute das gralsverwandte Raumwunder des Industriebaus erleben will, sollte sich, wie die 22 Mitglieder und Gäste unseres Verbandes, um eine Führung im IP Höchst bemühen, es lohnt sich.

Wagners Gralsburg als Leitmotiv (Foto: Christoph Jenisch)

Wagners Gralsburg als Leitmotiv (Foto: Christoph Jenisch – zum Vergrößern ins Bild klicken)

Einen ausführlichen Bericht unseres Besuchs am 19.05.16 finden Sie hier